Geburtsbericht – Es kommt immer anders als man denkt

In über 200 Tagen Vorbereitung hatte ich mir so viele Gedanken darüber gemacht, wie meine Wunschgeburt aussehen soll. Hatte einen Hypnobirthing-Kurs besucht, sehr viel Selbstfürsorge geübt und den finalen Plan einer kuscheligen Hausgeburt mit Pool vor dem Kamin, gemütlichem Wochenbett, vorgekochtem Essen und viel Zeit für die Familie um sich kennen zu lernen geschmiedet. Im Februar dachte ich dabei noch an Morgennebel und Raureif. Dass wir im Oktober noch fast 30 Grad haben würden, konnte keiner Ahnen.

Soweit der Plan, dann kam das Leben dazwischen.

In der SSW 36 bemerkte ich tüchtiges Ziehen wie Regelschmerzen. Ich telefonierte mit meiner Hebamme, sie beruhigte mich, das seien Senkwehen, ich solle mich ausruhen. Der Rat hat tatsächlich gewirkt und nachdem ich bis dahin den Haushalt geschmissen, das ältere Kind bespaßt und trotz der Affenhitze vieles noch hinbekommen hatte, gönnte ich mir einen Tag auf dem Sofa und das Ziehen ging weg. Was blieb war ein komisches Gefühl.

Samstag morgen um 3 in SSW 35+4 bestätigte sich leider dieses komische Gefühl. Die „Senkwehen“ holten mich aus dem Schlaf, 2 Stunden Wärmflasche und heiß duschen brachten mich zu der Einsicht, dass sie nicht mehr weg gehen und dass das Baby sich auf den Weg gemacht hatte. Viel zu früh für eine Hausgeburt. Viel zu früh für uns. Und viel zu früh am Morgen. Ich hatte keine Kliniktasche, keine Klinikbesichtigung, keinen Plan B.

Dafür hatte ich ein waches, verwundertes Kleinkind, Wehen im Minutentakt und praktischerweise einen Kopf im Geburtsmodus – Es war mir total egal. Ich hatte schon unter der Dusche mit den Atemübungen experimentiert und für mich einen guten Weg gefunden, mit den Wehen umzugehen.

Die größte Erkenntnis meiner Geburt: Die Atemübungen helfen, weil man einfach etwas tun kann. Liegt man mit Schmerzen im Bett und gibt alle Flüche von sich, die einem einfallen ist man in einer Opferrolle. Kann man Zählen und Atmen, hat man etwas Sinnvolles zu tun und der „Denk-Kopf“ ist beschäftigt. Das klingt banal, hat mir aber enorm geholfen. Trotz Hypnobirthing kann ich nicht behaupten, es hätte nicht weh getan aber ich kam durch die Fokussierung auf den Atem und das Zählen in einen Zustand der Konzentration und solange ich dabei blieb, bekam ich alles in den Griff.

Was nicht funktioniert hat: Geburtsklinik aussuchen, Tasche packen, Großeltern alarmieren, Anziehen und Auto fahren. Gut, das war ja auch nicht vorgesehen und der Papa war noch da. Ich kannte in unserem Wohnort zwei Krankenhäuser und suchte auf gut Glück eines aus.

Es dauerte über eine Stunde, bis ich mich angezogen hatte und wir los konnten. Nachdem unser Sohn vom Opa um halb 6 abgeholt worden war, hatte ich keine Wehenpausen mehr.

Ich schleppte mich in die Klinik und traf am Eingang zum Kreissaal unsere Hebamme. Es war ein Moment wie im Film, ich sah sie und dachte „Die ist super, das bekommen wir hin“. Was ein Glück. Tatsächlich war es nur einer von 2 Gedanken, die ich in der Zeit noch hatte. Der zweite war „Bitte lass den Muttermund wenigstens schon ein bisschen auf sein, das halte ich nie im Leben den ganzen Tag aus.“

Die Hebamme brachte mich ins CTG Zimmer und wollte dann doch lieber erst den Mutterpass und den Muttermund anschauen, bevor sie es anmachte.

Dann brach leichte Panik aus… Die Klinik hat keine Kinderstation und das Baby konnte dort eigentlich so früh nicht zur Welt kommen. Die nach einer langen Schicht dünnhäutige Oberärztin ordnete eine sofortige Verlegung in die größere Klinik mit Kinderstation an. Dann der nächste Schreck, der Muttermund war bei 8cm, die Hebamme sagte eine Verlegung sei viel zu gefährlich, das Baby könne innerhalb von 15 Min auf der Welt sein.

Ok, wir haben es der Klinik nicht leicht gemacht. Aber anschließend haben sie es mir auch nochmal schwer gemacht. Ich wurde in den Kreissaal gebracht und es begann die Krankenhaus-Routine, die für den ungestörten Geburtsverlauf so gefürchtet ist.

Sie wollten eine Urinprobe – Wer schon mal ein Kind bekommen hat, weiß, dass das kurz vor der Geburt eher schwierig ist. Sie wollten eine Blutprobe und waren tatsächlich der Meinung, wenn sie mich anmotzen halte ich still… Ergebnis: 2 zerstochene Venen. Sie wollten einen Ultraschall und dass ich mich dazu auf den Rücken lege – wer schon Mal ein Kind bekommen hat… Siehe oben. Dann wollte jeder Geburtsbeteiligte persönlich den Muttermund abtasten um dem Baby schon mal Hallo zu sagen. Dass ich gesagt habe, ich möchte das nicht hat leider niemanden interessiert.

Dank meiner gründlichen Aufarbeitung der ersten Geburt, meiner festen Überzeugung, mir diese Geburt von niemandem verderben zu lassen und der guten Vorbereitung bin ich in dem ganzen unangenehmen Trubel bei mir geblieben. Trotzdem haben es die Ärzte und Schwestern geschafft zu verhindern, dass das Baby in den prognostizierten 15 Minuten zur Welt kam. Darauf hin wollte mich die Oberärztin wieder verlegen. Plötzlich wollte sie mir auch noch eine PDA legen – ich verstehe bis heute nicht warum. Der alarmierte Kinderarzt saß auf dem Flur und wartete auf das Baby.

In dem ganzen Theater habe ich zur Hebamme gesagt, sie sollen mich alle in Ruhe lassen, ich will jetzt das Baby auf die Welt bringen. Und diese wunderbare Hebamme hat die Ärztin hinaus geschickt, die Schwester weg geschickt und mich machen lassen. Hat mich in den letzten Minuten begleitet und liebevoll unterstützt und so wurde unser zweiter Sohn friedlich und kraftvoll geboren, während um uns herum die Welt verrückt spielte.

Nach einem ersten Kennenlernen wurde leider festgestellt, dass er Probleme mit der Atmung hat und wurde mit dem Kinderarzt und dem Rettungswagen sofort in die größere Klinik verlegt.

Wie es weiter ging nach dieser völlig ungeplanten Geburt schreibe ich in der nächsten Woche.

5 Gedanken zu “Geburtsbericht – Es kommt immer anders als man denkt

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