Wochenbett auf der NEO

In einem früheren Beitrag habe ich von unserer unfreiwilligen Klinikgeburt berichtet.

Die Geburt habe ich unter den gegebenen Umständen als positiv und bestärkend erlebt. Ich bin stolz auf mich, nach einer guten Vorbereitung, die für mich genau richtig war, unseren Sohn selbstbestimmt geboren zu haben.

Bald nach der Geburt musste der kleine Mensch auf die Neugeborenen Intensivstation verlegt werden. Dort wurde eine angeborene Lungenentzündung festgestellt, die wohl auch die Ursache für die frühe Geburt war.

Während er verlegt wurde, musste ich noch zur Beobachtung in der Geburtsklinik bleiben, wo ich aber nach 4 Stunden auf eigenen Wunsch entlassen wurde. Ich bin sofort zu meinem Baby gefahren, ich durfte ihn auch in der Klinik stillen, allerdings war er sehr angestrengt und seine Sauerstoffsättigung im Blut nicht gut. Nachdem die Untersuchungen beendet waren, begannen die Ärzte eine Antibiotika-Therapie und es ging ihm bald besser. Trotzdem stand fest, dass er mindestens 10 Tage in der Klinik bleiben musste und ich nicht mit aufgenommen werden konnte.

Die Besuchszeit auf der Neonatologie ist 24 Std am Tag und wir hätten auf einem Stuhl neben dem Bett schlafen können. Aber da war ja auch noch unser älterer Sohn, der 2 Tage bei der Oma zwar lustig fand aber dann unbedingt seine Mama brauchte. Das war der erste ernsthafte Ressourcenkonflikt als Familie. Das Baby brauchte uns und meine Milch, der kleine große Bruder brauchte uns und wir konnten uns nicht zweiteilen.

Randbemerkung: Die Krankenkasse fand eine Haushaltshilfe in unserer Situation nicht notwendig.

Wir beschlossen die Nächte gemeinsam zu Hause zu verbringen, um Kuschelzeit mit dem Großen nachzuholen. An den Vormittagen, an denen er in der Kita war, fuhr ich zur Klinik, die Nachmittage war der Papa dort, ich verbrachte Zeit mit dem Älteren und ab dem Abendessen waren wir zusammen.

Das hieß aber auch wieder. Milch abpumpen. Da ich beim ersten Kind durch zu seltenes Anlegen in den ersten Tagen eine geringe Milchmenge in der gesamten Stillzeit gehabt hatte, wollte ich es diesmal besser machen. Der Papa fuhr noch in der Nacht durch die Weltgeschichte um in einer Notapotheke eine Milchpumpe zu leihen. Ich versuchte alle 2 Stunden, spätestens alle 3 Stunden Milch abzupumpen und brachte diese in die Klinik, wo sie dem kleinen Babysohn in meiner Abwesenheit mit der Flasche gefüttert wurde. Ich war unglaublich froh, dass der ältere Sohn noch stillte, die Milchbildung anregte und die Überproduktion begeistert wegtrank. So hatte ich einen schnellen und schmerzarmen Milcheinschuss und innerhalb einer Woche mehr als genug Milch für beide Kinder. Das war besonders wichtig, da der kleine Sohn noch nicht so viel Kraft zum Trinken hatte. Er wurde an der Brust zwar fast ertränkt, konnte so aber genug Milch ohne große Anstrengung trinken.

In der Klinik wurden wir teilweise sehr gut unterstützt, nach 3 Tagen ermöglichte es eine Schwester, dass der große Bruder den Kleinen wenigstens kurz sehen durfte, obwohl das nicht vorgesehen (und eigentlich sogar verboten) war.

Sie hielten sich weitestgehend an meine Bitte, dem Kleinen keinen Schnuller zu geben. Abwechselndes Stillen und Flasche zu füttern war trotzdem eine Herausforderung. Bei dem ersten Stillen nach der Flaschen-Nacht brauchten wir bis zu 20 Minuten, ehe das Baby wieder gut an der Brust trank und dann war er erschöpft. Die Flaschenmilch am Abend spuckte er dann in Teilen wieder aus, weil er so viel Luft mit trank.

Aus medizinischer Sicht ist alles gut gegangen, er durfte nach 11 Tagen noch sehr klein aber gesund und munter zu uns nach Hause.

Ich bin froh, dass wir aus unserem Clan viel Unterstützung bekommen haben, anders wäre es nicht zu bewältigen gewesen, außer ich hätte überhaupt nicht mehr geschlafen. Wir haben die Wäsche gewaschen, Essen gebracht, Kuchen und Mut geschenkt bekommen und doch war es eine furchtbar anstrengende Zeit. Rückblickend wurde mir klar, dass ich nicht einmal Zeit hatte zu weinen. Unter der ganzen Anspannung habe ich auf den Moment gewartet, in dem ich Ruhe habe und die ganzen Umstände einmal betrauern darf. Den Moment gab es nicht.

Kaum waren wir zu Hause, forderte das große Kind alles nach, worauf er in den letzten 2 Wochen verzichtet hatte. Er musste sich an eine völlig neue Situation gewöhnen. Wir auch. Es folgten Tage und Nächte mit ein oder zwei weinenden Kindern, die beide von der Mama gestillt und getröstet werden wollten. Wir alle waren furchtbar müde und die Unterstützung brauchte sich auf, die fleißigen Helfer brauchten auch mal eine Pause und manches bekommt man eben nicht geschenkt – Schlaf zum Beispiel.

Glücklicherweise hatte ich noch unsere Nachsorgehebamme, die mir unermüdlich versicherte, dass wir alles ganz toll machen würden und sich alles einspielen würde. Ich ließ alles sein und liegen, was nicht für die Familie wichtig war, organisierte die Hilfe so, wie sie für uns am dringendsten war und doch fragte ich mich jede Nacht warum ich nicht 4, 5 oder 6 Jahre mit dem zweiten Kind gewartet hatte.

Ich konnte dank allem Wissen, dass ich in den letzten Jahren zum Thema Stillen gesammelt hatte und der vielen Übung mit dem ersten Kind zu Hause sofort voll stillen und das Baby nahm gut zu.

Nach 8 Wochen zu Hause kehrte sowas wie Alltag ein, auch wenn dieser immer wieder ein Drahtseilakt zwischen allen Bedürfnissen ist. Der große Bruder ist furchtbar stolz auf seinen kleinen Bruder, manchmal auch sehr eifersüchtig. Wir nehmen ihn mit allen seinen Gefühlen an und helfen ihm so gut wir können, mit der neuen Situation zurecht zu kommen. Für ihn sind 2 Stunden ungeteilte Mamazeit am Tag unglaublich wichtig und solange wir die ermöglichen können, läuft es ganz gut. Das Baby wohnt im Tragetuch und verschläft dort glücklicherweise die meiste Zeit. Zum Glück habe ich mich nach 2 Tagen zu Hause getraut, die 2800 Gramm Kind ins Tragetuch zu stecken. Es ist kein Problem, so kleine Menschen zu tragen und macht das Leben viel einfacher.

Nach zwei Mal Klinikgeburt, zwei mal Neo und zwei mal ausgefallenem Wochenbett weiß ich, dass es nicht unbeding auf die Fakten aber auf den Umgang mit und zwischen den Menschen ankommt, wie man durch solch schwere Zeiten kommt und bin dankbar für unsere zwei gesunden Kinder.

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