Dein Kind braucht das doch gar nicht mehr!

Wie oft habe ich auf dem Weg des Babys zum Kleinkind diesen Satz gehört „Aber das braucht er doch jetzt (wirklich) nicht mehr.

Ja, das mag sein, aber mein Kind darf, wenn es möchte, selbst dann, wenn es etwas nicht mehr „braucht“!

Elterndiskussionen drehen sich so oft darum, was ein Kind braucht oder eben nicht mehr braucht. Es braucht nachts keine Milch mehr, wenn es älter als 6 Monate ist, es braucht nicht ständig getragen zu werden, es braucht keine Einschlafbegleitung mehr, der Schnuller muss jetzt weg, …

Wieso wird die Kindheit so oft an einem scheinbaren Überlebensminimum bemessen?

Geht es uns mit unseren Kindern wirklich darum, die Grenzen der Bedürfnisse nach unten abzustecken?

Ich sage nein!

Mein Kind darf auch als 2jähriger noch nachts Milch trinken, wenn er das möchte, auch wenn 10 Ärzte sich ganz sicher sind, dass das nicht sein muss.

Mein Kind wird getragen, wenn er das möchte und es gerade möglich ist.

Mein Kind wird getröstet, auch wenn die Schramme unsichtbar ist.

Mein Kind bekommt Einschlafbegleitung, solange er das möchte.

Mein Kind bekommt Essen, wenn er hungrig ist.

Ich verwöhne mein Kind? Ja! Warum auch nicht?

Verwöhnen mit Sicherheit, Nähe, Zuwendung und Anwesenheit werde ich mein Kind so lange es das möchte, nicht so lange bis es das nicht mehr „braucht“.

Warum ich das tue? Weil es uns gut tut. Meinem Kind geht es gut, es ist ausgeglichen, zufrieden und kooperativ. Ich brauche keine Kämpfe um die Untergrenzen der wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Es kommt ja auch niemand auf die Idee mir mein Schokoladeneis zu verbieten – das brauche ich sicher auch nicht und erst recht nicht nachts um 1. Aber ich esse es, wenn ich möchte.

Genauso schlafen wir alle zusammen in einem Bett, auch wenn es möglich wäre, das jeder sein eigenes hätte. Ich sage ja auch nicht zu meinem Mann „Du, wir kennen uns jetzt lange genug, wir wissen, dass im Schrank kein Monster wohnt – ich bin dafür dass wir jetzt getrennt schlafen.

Komischerweise habe ich noch von keinem Arzt gelesen, dass ein Kind nicht mehr als 10 Matchboxautos, 2 Kuscheltiere, 50 Bausteine und 1 Puppe braucht. Bei materiellen Dingen macht sich unsere Gesellschaft keine Gedanken um Begrenzungen und bei den meisten Kindern dürfte es zu Hause 10 mal mehr Spielzeug geben, als sie „brauchen“. Bei der emotionalen (kostenlosen) Versorgung der Kinder wird aber sehr schnell, sehr viel beschränkt.

Wir großen Menschen machen und haben so vieles, was wir nicht „brauchen“, wahrscheinlich sogar die meiste Zeit des Tages. Warum sollten unsere Kinder nicht das gleiche Recht auf Geborgenheit, Wohlfühlen und Verstanden werden haben?

Eben!

Habe ich Angst vor einem nervigen Tyrannenkind? Nein!

Es gibt verschiedene Arten von Umgang miteinander, die wir heute als Verwöhnen bezeichnen.

Verwöhnen mit Nähe, Zuwendung und Zeit gibt es nach meiner Auffassung nicht, solange es nicht gegen den Wunsch des Kindes geschieht.

Und woher kommen die unzufriedenen Kinder, denen man es nicht mehr recht machen kann und die immer mehr wollen?

Immer wenn wir nicht bei uns und unseren Kindern sind, es uns leicht machen wollen oder Konflikten aus dem Weg gehen, laufen wir Gefahr, unsere Kinder zu ihrem Nachteil zu verwöhnen und unzufrieden zurück zu lassen.

Kinder, die alles dürfen (Konfliktvermeidung), viele materielle Dinge bekommen (als Kompensation für fehlende Beziehungsnähe) oder durch die Nähe der Eltern eingeschränkt werden, laufen Gefahr wirklich unglücklich verwöhnt zu werden. Die Kinder bekommen in solchen Momenten etwas anderes, als sie wirklich brauchen. Ihr Bedürfnis danach gesehen zu werden oder Nähe zu erfahren wird nicht erfüllt aber durch eine Ersatzhandlung „betäubt“. Wenn dies zu oft, zu häufig und zu lange geschieht, verlieren Kinder das Gespür für ihre Bedürfnisse und verlangen den gewohnten Ersatz, der ihnen zumindest etwas hilft. So wird ihr eigentliches Bedürfnis allerdings nicht befriedigt und sie wünschen sich immer vehementer und verzweifelter den Ersatz.

Aus einer sicheren Bindung, einem offenen Umgang und durch viel erwünschte Nähe können keine (im negativen Sinne) verwöhnten Kinder hervorgehen. Werden die ursprünglichen Bedürfnisse der Kinder erfüllt, sind die Kinder zufrieden.

Eines der liebsten Zitate für erschöpfte, bedürfnisorieniert lebende Familien ist von William Sears:

Befriedigte Bedürfnisse verschwinden von selbst, ignorierte Bedürfnisse tauchen immer wieder auf.

Und so kann mir nur mein Kind sagen, wann es erfüllt und aufgetankt ist, bereit in die große Welt zu ziehen und so lange werden wir ihn „verwöhnen“ bis er sagt, dass er etwas nicht mehr braucht.

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