Windelfrei – wann, womit, wie oft?

Nachdem ich im letzen Beitrag über das „Warum“ in Sachen Windelfrei geschrieben habe, möchte ich heute weitere W-Fragen beantworten.

Zunächst: Wann fängt man an?

Falls ihr schon in der Schwangerschaft gute Vorsätze schließt fallen diese gern hinten runter, wenn Mama nach der Geburt kaum aus dem Bett hoch kommt und Papa mit Besorgungsfahrten zwischen Apotheke, Drogerie und Supermarkt beschäftigt ist – sofern er da sein kann.

Windelfrei ist kein Sprintwettbewerb, sondern eine Ausdauersportart. Und zwar eine der Sorte, bei der es unwichtig ist, ob man 4 Wochen früher oder später startet. Viele Babys pinkeln wenn sie ganz klein sind los, sobald man die Windel öffnet. In den ersten Wochen reicht es völlig, das mit „du machst Pipi“ oder einem Signallaut zu kommentieren. Ein 2 Wochen altes Baby wird sich wahrscheinlich lieber im Liegen auf dem Wickelplatz entspannen als in einer gehaltenen Position, in der es gegen die ungewohnte Schwerkraft so gar keine Chance hat. Die Verbalisierung der Ausscheidung hilft uns den Kindern später zu signalisieren, wann sie sich erleichtern können.

Wenn wir nach einigen Monaten merken, das Kind muss mal, können wir ihm sagen, dass wir das wahrgenommen haben und es bitten, kurz einzuhalten, bis wir es ausgezogen haben. In der Abhalteposition kann man dann durch den Signallaut kommunizieren, dass nun „alles bereit“ ist. Wie für alles gilt – kann man machen, muss man aber nicht.

Sinnvoll ist es, sofern möglich, in den ersten 4 Lebensmonaten des Babys mit Ausscheidungskommunikation zu beginnen. Danach verlieren Babys nach und nach das Bewusstsein für ihre Ausscheidungen. Wenn ihrem Bedürfnis, sich nicht selbst zu beschmutzen nicht nachgekommen wird, werden sie ihr Geschäft mit immer weniger vorausgehenden Signalen in die Windel machen.

Die Jahreszeit kann beim beginn auch eine Rolle spielen, ein im Mai geborenes Kind kann man leichter in den ersten Monaten unten ohne lassen als ein Novemberkind.

Letzte Woche habe ich geschrieben, dass bei der Windelfrei-Auslegung des Artgerecht Projektes Windeln genutzt werden können. Es ist nicht das Ziel akribisch jedes Pipi aufzufangen (oder weg zu wischen). Zeiten in denen das Baby in einer angenehmen Atmosphäre nackig sein kann, tun ihm trotzdem gut.

Zum einen ist das Bewegen viel leichter, wenn das Baby unbekleidet ist, zum anderen können die Eltern üben, die Signale des Babys zu erkennen.

Wenn euer Kind schon größer ist, könnt ihr trotzdem Elemente aus Windelfrei nutzen. Sehr gut eignet sich das Abhalten in Standard-Situationen, beispielsweise nach dem Schlafen. Man kann beim Windel ausziehen mit dem Kind darüber sprechen ob es mal muss, man kann es abhalten oder auf das Töpfchen/die Toilette setzen und einfach sehen, wie es reagiert. Sollte das Kind zunächst Angst haben, wird es zu nichts gedrängt.

Ein Töpfchen kann auch angezogen getestet werden oder man lässt das Kind im Sommer nackig und schaut, was passiert. Wenn es dann Pipi macht kann man das erklären und sagen, dass man gern versuchen möchte für das Pipi oder Kaka das Töpfchen oder die Toilette zu nutzen.

Wichtig sind mir, dass kein Kind unter Druck gesetzt wird und dass nicht negativ über Ausscheidungen gesprochen wird (der Klassiker: „Hast du einen Stinker gemacht?“). Sprechen wir abwertend über Ausscheidungen lernt unser Kind, dass irgendwas damit nicht stimmt. Das wird das Sauber werden nicht fördern…

Hilfreich kann auch sein, dass die Eltern die Kinder mitnehmen und auch mal zuschauen lassen, wenn sie selbst zur Toilette gehen. Mit 2-3 Jahren möchten Kinder gern das imitieren, was die Eltern machen und zu diesem Zeitpunkt möchten sie die Toilette vielleicht nutzen, wenn sie wissen, wofür sie gedacht ist.

Was braucht man um mit Windelfrei anzufangen?

Wie bei so vielen Artgerecht-Themen ist das tolle daran, dass man eigentlich nichts braucht. Man kann ein Töpfchen kaufen oder eine ganz normale Rührschüssel für den Anfang. Es gibt spezielle Asia-Töpfchen für Windelfrei mit kleinen Babys, man kann aber auch gut ohne diese zurechtkommen. Der Markt bietet viele Bekleidungsstücke die extra für windelfreie Kinder entwickelt wurden. Dazu gehören Spiltpants, die im Schritt offen sind, so dass das Baby nicht ausgezogen werden muss, wenn es mal muss. Es gibt auch viele verschiedene Backup-Systeme und Stoffwindeln, die sich schnell an- und ausziehen lassen.

Wenn man erst einmal ausprobieren möchte, ob Windelfrei zu den Dingen gehört, die der eigenen Familie einen Mehrwert bringen, braucht man das alles noch nicht zu kaufen.

Eine recht sinnvolle Anschaffung sind Babystulpen (im Handel heißen sie auch Babylegs). Diese kann man dem Baby vom Fuß bis zum Oberschenkel anziehen und sie sorgen dafür, dass die kleinen Menschen nicht so frieren, wenn das Geschäft mal länger dauert oder sie nackig sind (-> gut für die Novemberkinder).

Babylegs sind auch super für Tragekinder, weshalb man sie auch schon kaufen könnte, wenn man noch nicht weiß, ob Windelfrei so das eigene Ding ist.

Alle Fragen, die sich um die Häufigkeit des Abhaltens drehen, ob man sein Kind nur drinnen oder auch draußen abhalten sollte, ob draußen im Winter auch geht und wieviele Pipis und Kakas man am Tag treffen sollte haben die gleiche Antwort.

Windelfrei soll für die Familien eine Erleichterung sein und so sollten sie es auch umsetzen. Wenn es kein Problem ist, das Kind im Gebüsch vom Spielplatz abzuhalten, dann mache ich es. Wenn mich das nervt, die anderen Muttis blöd gucken und das für alle unangenehm ist, dann muss ich es nicht machen.

Jedes Pipi oder Kaka, das abgehalten wird spart einmal Wickeln und/oder eine Windel. Also hilft jeder kleine Erfolg der Umwelt und erleichtert das Leben der Eltern. Alles was zusätzlich Stresst sollte man lassen. Und wenn man nur einmal am Tag mit dem Kind morgens Pipi macht ist das total super und hilft dem Kind.

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