War es wirklich so schlimm – Start ins Leben mit einem Schreibaby

War es wirklich so schlimm?

Mit der Zeit verblasst die Erinnerung, gerade wenn es negative Zeiten sind, fangen wir Menschen an zu verdrängen. Und unweigerlich stellt sich dann oft auch die Frage: „War es wirklich so schlimm?“ Verbunden damit tauchen Zweifel auf. Zweifel, ob man nicht einfach nur zu empfindlich gewesen ist oder ob man sich in etwas hineingesteigert hat. Man fängt an sich klein zu machen, sich selbst zu verletzen. Nur den wenigsten gelingt es, und das oft auch nur mit Hilfe, aus dieser Spirale herauszukommen.

Aber war es denn nun wirklich so schlimm?

Auch mir geht es so. Nach etwas mehr als vier Jahren stellt sich mir die Frage immer öfter, vor allem da ich mich mit dem Thema in den letzten Jahren sehr stark auseinandergesetzt habe. Ich habe Bücher gelesen, mich weitergebildet und auch ganz viele Erfahrungsberichte, Facebook-Nachrichten und Instagram-Posts gelesen. Und immer öfter kam dann der Gedanke: War es bei uns wirklich auch so schlimm?

Es mag sein, dass es nicht so schlimm war. Zumindest nicht so, wie es bei einer anderen Familie war. Aber es war in diesem Moment für uns schlimm. Ich habe in dieser Zeit kurze Tagebucheinträge verfasst, sie nun nochmal zu lesen erschüttert mich. Es sind die dunklen Seiten, die sich dort zeigen. Es sind Momentaufnahmen an ganz schlimmen Tagen. Aber es ist gut, dass sie da sind. So sehr es schmerzt sie zu lesen, so sehr helfen sie auch zu verarbeiten.

Ja, es war schlimm für uns

Genau das ist der Punkt. Es war für uns schlimm, ganz besonders für mich. Ich hatte mir lange Jahre ein Kind gewünscht. Erst wollte der Mann nicht, dann klappte es nicht. Die Schwangerschaft war geprägt von Sorge, denn ich hatte zu Beginn in der zehnten Woche eine Blutung und anschließend ein Baby, dass völlig quer in mir lag. Die Ärztin war hilflos, einzig meine Hebamme versuchte mich aufzufangen. Ich nahm an, dass nach der Geburt endlich alles überstanden sei und ich das schöne Leben mit Baby genießen könnte. Das was ich mir all die Zeit gewünscht hatte.

Doch nach kurzer Zeit stand fest, dass genau das nicht eintreten würde. Die Tochter schrie und schrie und schrie. An Tag vier schrieb ich in mein Tagebuch, dass ich nicht gedacht hätte, dass man so lange ohne Schlaf auskommen könnte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt seit fünf Tagen nicht geschlafen, war allenfalls nur in einen kurzen Erschöpfungsschlaf gefallen. Die Geburt hatte mich so geschwächt, dass ich auch mehrere Wochen danach kaum in der Lage war weite Wege zu gehen, in den ersten Wochen schaffte ich es kaum die Treppe hoch oder runter.

Und genau da kam, zu all dem Schmerz und Stress, den ein dauerhaft schreiendes Baby mit sich bringt, der Gedanke, dass ich es wohl einfach nicht verdient hätte ein Kind zu bekommen. Dass ich vermessen gewesen bin und dies nun die Strafe für meinen verbissenen Wunsch all die Jahre war. Natürlich ist das, mit Abstand betrachtet, Quatsch. Aber genau so empfand ich in diesem Moment.

Macht es das nun schlimmer als bei anderen? Nein, aber es war für mich schlimm. Es zeigt, wie schlecht es mir ging. Und wie schlecht es auch dem Mann ging, der völlig hilflos dastand und nicht wusste, wie er überhaupt all das in den Griff bekommen sollte.

Und was machen wir nun daraus?

Genau das ist die große Frage, die mich umtreibt. Denn jeder Geburtstag der Tochter bringt auch die Erinnerungen zurück. Erinnerungen an eine Zeit, die so schön sein sollte, die für mich aber die absolute Hölle bedeutete. Es tut mir Leid für sie und Leid für mich, denn ich nehme uns damit gedanklich auch etwas. Ich habe Angst, dass es zwischen uns steht, habe Angst, damals etwas übersehen zu haben. Welche Auswirkungen wird es noch haben? Und genau hier muss und möchte ich anpacken. Denn ich möchte nicht vergessen, ich möchte annehmen. Und irgendwann nicht mehr mit Schmerz zurückblicken, sondern mit Stolz. Denn es war eine verdammt schlimme Zeit, aber wir haben sie gemeinsam durchstanden. Wir sind alle daran gewachsen und haben das Beste daraus gemacht.

3 Gedanken zu “War es wirklich so schlimm – Start ins Leben mit einem Schreibaby

  1. Ach meine Liebe,

    fühl dich gedrückt. Ich kann alles, das du schreibst, komplett nachvollziehen. Hatte ich doch selbst Blutungen in der Frühschwangerschaft, ein Kind, das noch in der 36 Ssw. quer lag und sich lustig drehte und mit dem wir anfangs überall auffielen, weil es schrie und schrie und schrie. Ich verzweifelte anfangs täglich und konnte/ wollte nach 5 Jahren KIWU nicht akzeptieren, dass uns nun nichtmal eine rosige Babyzeit vergönnt war. Und bis heute (also fast 2 Jahre )nicht eine Nacht durchschlafen… 😔 und dann denke ich wieder, dass unser anstrengendes und tolles Kind sich gerade uns ausgesucht hat, weil es wusste, dass wir die Kraft haben es zu lieben so wie es ist.

    Und ich bin sicher auch deine Tochter ist stolz auf ihre Stärken Eltern, die trotz allen Schreiens immer an ihrer Seite sind.

    Alles Liebe für euch!

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    1. Vielen lieben Dank für deine Worte und deinen Erfahrungsbericht. Da tun sich ja einige Parallelen auf.

      Mir fällt es manchmal sehr schwer zu akzeptieren, dass sie sich uns ausgesucht hat, weil wir stark genug sind. Denn genau da erreiche ich so oft eine Grenze. Doch es hat auch so viel wahres.

      Ich wünsche euch weiterhin ganz viel Kraft ❤️

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