Buch-Mittwoch: Jesper Juul – Dein selbstbestimmtes Kind

Es ist das Buch, auf das nicht nur ich lange gewartet habe. Das letzte, das Jesper Juul mitgeschrieben hat, das letzte Buch, das von ihm veröffentlicht wurde. Und genau noch eines, dass ein Thema umfasst, dass er aufgebracht hat und welches viele Eltern umtreibt: Autonome bzw selbstbestimmte Kinder.

Das Buch wurde gemeinsam mit Mathias Voelchert geschrieben, Leiter und Gründer von Familylab in Deutschland. Er begleitete Jesper Juul in seinen letzten Lebensmonaten und erarbeitete mit ihm gemeinsam eine Sammlung an Elternbriefen, die sich alle mit dem Thema autonome Kinder beschäftigen.

Was ist ein selbstbestimmtes Kind?

Diese Frage wird zu Beginn des Buches beantwortet und auch ganz klar eine Abgrenzung gebracht, wann es sich nicht um autonome Kinder handelt. Des weiteren wird in diesem Abschnitt erklärt, wie am besten mit autonomen Kindern umgegangen werden kann, was sie brauchen und was sie gerade nicht brauchen oder möchten. Auch werden kurze Beispiele angerissen, die helfen können das Verhalten eines autonomen Kindes besser zu verstehen.

Wer „Nein aus Liebe“ gelesen hat, wird in diesen Kapiteln nicht viel neues finden. Ich persönlich finde das sehr schade, denn genau das hatte ich mir erhofft. „Nein aus Liebe“ hat uns die Erkenntnis gebracht, dass wir vermutlich ein autonomes Kind haben, oder zumindest eines, dass sehr stark in seinem Willen ist und sehr selbstbestimmt handelt. Doch in „Nein aus Liebe“ ist der Abschnitt über die autonomen Kinder sehr kurz gehalten, was in diesem Zusammenhang auch gut passt. Für dieses Buch hätte ich mir mehr gewünscht. Mehr und vielleicht sogar neue Informationen.

Elternbriefe

Einen Großteil des Buches machen Elternbriefe aus, die Jesper Juul in kurzen Sätzen beantwortet. Was ich immer wieder beeindrucken finde ist seine Art zu antworten. Er geht auf jeden einzelnen ein, nimmt ihn in seinem Anliegen ernst, verurteilt nie. Manch ein anderer Berater oder Therapeut wäre ob der Frage empört und würde seine Zeit verschwendet sehen. Jesper Juul hingegen nimmt sich jeder Frage an und beantwortet sie.

Viele der Elternbriefe kann ich gut nachvollziehen und das Anliegen der Eltern verstehen. Ich finde es immer toll, wenn sich Eltern öffnen und mit ihren vermeintlichen Problemen an die Öffentlichkeit treten oder sich Hilfe holen. Hier bekommt man eine ganze Bandbreite an Elternproblemen präsentiert und kann sich sicherlich in der ein oder anderen Situation wiederfinden. Genau das ist, was vielen Leuten hilft.

Nachruf

Am Ende des Buches findet sich ein Nachruf, den Mathias Voelchert geschrieben hat. Er lässt den Leser teilhaben an seiner Geschichte, die er mit Jesper Juul erlebt hat. Er bringt dem Leser den Menschen Jesper Juul näher und vor allem noch einmal seine Haltung den Kindern gegenüber, die wirklich einzigartig und beeindruckend ist.

Angereichert ist der Nachruf mit Zitaten von Jesper Juul, die so toll sind, dass man sie als Poster an die eigenen Wände hängen mag. So zum Beispiel:

Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten.

Jesper Juul

Mein Fazit

Ich habe lange und sehnsüchtig auf das Buch gewartet und war am Ende dann doch ein wenig enttäuscht. „Ist das alles?“ fragte ich mich, als ich den ersten kurzen Teil der Einführung ins Thema gelesen hatte.

Es mag sein, dass vielen Menschen gerade die Art der Leserbriefe und Jesper Juuls Antworten darauf zusagen. Mir sagt es nicht zu und oft empfand ich die Antworten als etwas oberflächlich. Ich werde das Buch aber in jedem Fall noch einmal lesen, da ich mir nicht sicher bin, ob ich wirklich alles in seiner Tiefe verstanden habe. Denn genau das ist es, was Jesper Juul ausmacht. Man meint im ersten Moment, dass er etwas völlig bedeutungsloses gesagt hat. Lässt man es aber eine Weile wirken, merkt man erst welche Tiefe in vielen seiner Worte steckt.

Wie schon weiter oben beschrieben bewundere ich seine Art mit Menschen umzugehen. Er verurteilt nie. Er antwortet immer. Vielleicht nicht so, wie die Fragesteller es gerade hören wollen und vielleicht auch manchmal mehr auf Seiten der Kinder als auf Seiten der Eltern, was aber das Gute an der ganzen Sache ist.

Jesper Juul ist ein Mensch, der sich für das Wohl des Kindes eingesetzt hat. Er ist es, der das Wort Gleichwürdigkeit geprägt hat und vielen Menschen eine Richtung gegeben hat. Ich denke, dass viele Kinder heute von seinem Wirken profitieren. Und das ist unfassbar wichtig.

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