Bedürfnisorientiert oder unerzogen um jeden Preis

Mit der Geburt der Tochter bin ich in eine komplett neue Welt eingetaucht. Erst lernte ich das Attachment Parenting, dann die bedürfnisorientierte Erziehung und schließlich sogar die Unerzogen-Haltung kennen. Ich bin schon immer ein Mensch, der gerne gegen den Strom schwimmt und fühlte mich direkt von der Unerzogen-Haltung angesprochen. Also begann ich mich zu informieren und dem Kind seine Freiheiten zu lassen.

Das funktionierte bei einem Säugling auch noch recht gut und auch der Mann hatte zu dem Zeitpunkt keine Probleme damit. Doch die Tochter wurde größer und selbständiger, sie fing an die Welt zu erkunden und sich auszuprobieren. Nun ist der Mann auch eher ängstlich und so kam, was kommen musste: Wir waren uns nicht mehr einig was die Erziehung oder nicht-Erziehung anging. Der Mann hatte Angst, dass sich die Tochter verletzen könnte, dass sie später ein kleiner Tyrann wird und nicht mehr hört. Ich hatte Angst sie zu brechen und ihrer kleinen Seele schaden zuzufügen.

Drei Jahre später und mit einem Kind mehr steht fest: Unerzogen kann ich nicht. Ich finde die Haltung super und bewundere es, wenn es Menschen gelingt in dieser Art miteinander zu leben. Mir gelingt es nicht, dazu muss wahrscheinlich ich und auch der Mann noch viel an mir arbeiten. Außerdem gefällt mir die Radikalität nicht, die oft in bedürfnisorientiert oder unerzogen lebenden Familien gelebt wird oder von einem Erwachsenen, meist der Mutter, fast zwanghaft versucht wird umzusetzen.

Bedürfnisorientiert mit Regeln und Grenzen

Wir leben bedürfnisorientiert, zumindest versuchen wir es. Es gelingt nicht immer, wir sind nicht perfekt. Vor allem aber sind wir müde nach einem Schreikind und einem High-Need-Kind.

Mit der Zeit hat sich gezeigt, dass wir als Familie ein gewisses Set an Regeln benötigen, um gut miteinander auskommen zu können. Gerade mit der Geburt des Sohnes hat sich das nochmal verstärkt, denn die Tochter ist sehr impulsiv und körperlich. Da hilft es ihr und uns sie immer wieder an Regeln zu erinnern, die für unsere Familie gelten (oder auch im Kindergarten).

Natürlich werden diese Regeln nicht strikt eingefordert und es besteht ein gewisser Spielraum. Mit Sicherheit setzen der Mann und ich sie auch unterschiedlich um, denn erstaunlicherweise ist mittlerweile er strenger als ich. Doch uns beiden ist es wichtig, dass gewisse Regeln eingehalten werden und vor allem persönliche Grenzen gewahrt werden.

Bedürfnisse haben in unserer Familie alle. Das zu erkennen ist manchmal nicht leicht, denn wir Eltern stellen uns gerne und schnell hinten an. Mittlerweile habe ich mir aber angewöhnt auch den Mann zu fragen, was er braucht, wenn ich merke, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Bloß nicht…

Wer sich mit der Unerzogen-Haltung, Attachment-Parenting oder der bedürfnisorientierten Erziehung auseinander gesetzt hat, weiß, dass es viele Punkte gibt, die es wert sind beachtet zu werden. Loben ist da ein ganz großes Thema, genauso wie Vergleiche oder aber Verbote. Und das macht auch absolut Sinn, wenn man sich weiter mit dem Thema beschäftigt und erfährt wie Kinder in diesem Alter „funktionieren“.

Doch manche Eltern sehen es zu dogmatisch aus meiner Sicht. Bloß nicht loben, das Kind könnte einen Schaden nehmen. Bloß nicht „nein“ sagen, das Kind könnte einen Schaden nehmen. Bloß nicht schimpfen oder gar laut werden, das Kind könnte einen Schaden nehmen. Und so sitzen, oft Mütter, dann verbissen neben ihrem Kind, verkneifen sich ein Lob oder formulieren es so kompliziert, dass das Kind es nicht erfassen kann. Sie ertragen alles, um ja nicht zu schimpfen. Sie lassen sich schlagen und treten und beißen und lächeln nett.

Das ist natürlich jetzt auch überzeichnet, doch es kommt in der ein oder anderen Form vor. Gerade Mütter geben sich auf. Sie haben Angst etwas falsch zu machen, Angst dem Kind zu schaden, ihm die Zukunft zu verbauen, um es so krass auszudrücken. Oder sie sind fest überzeugt das richtige zu machen.

Da stellen sich mir zwei Fragen:

  1. Ist das wirklich im Sinne des Kindes und gut?
  2. Entspricht das noch dem Gedanken der Unerzogen-Haltung oder der bedürfnisorientierten Erziehung?

Nein und nein würde ich sagen.

Bedürfnisorientiert und Unerzogen sind toll, aber nicht um jeden Preis

Ich finde es toll, wenn Menschen sich mit einer der beiden Haltungen bzw. Erziehungsstile auseinander setzen, denn unsere Kinder haben es verdient in einem liebevollen Umfeld groß zu werden. Das geht in gewissem Maße natürlich auch bei erziehenden Eltern, ich bin aber überzeugt, dass ein bedürfnisorientierter Umgang allen beteiligten gut tun kann.

Doch dazu gehört, dass die Bedürfnisse aller gesehen werden. Und dass den Kindern aufgezeigt wird, dass auch ihre Mitmenschen Bedürfnisse, Gefühle und Erwartungen haben. Diese müssen nicht immer erfüllt werden, aber respektiert.

Ich bin keine schlechtere Mutter, weil ich auch mal „nein“ sage. Oder meinem Kind erkläre, dass es schön wäre „bitte“ zu sagen, wenn sie etwas möchte. Ich bin nicht schlechter, wenn ich mein Kind anbrülle, weil ich müde und erschöpft und vielleicht auch noch ausgelaugt von einem langen Tag bin. Schließlich bin ich ein Mensch, der alle seine Gefühle erlebt und zeigt. Wichtig ist mit aber, hinterher mit den Kindern darüber zu reden. Ich entschuldige mich, wenn ich laut geworden bin. Erkläre warum es so war, was mich geärgert hat. Das hilft mir und es hilft den Kindern.

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