Stillstart – keine rosa Wolken

Vor der Geburt des kleinen Sohnes war klar, ich wollte gern stillen.

Hatte ich jemals eine Frau ein Kind stillen gesehen?

Nun, meine Tante mit meinem Cousin, einmal, vor fast 20 Jahren…

Wusste ich was zu tun war?

Naja… Die Information über die ich verfügte war: Brust raus, C-Griff, Kind schwungvoll ran, fertig (gelernt im Geburtsvorbereitungskurs).

Aber hey, es ist das Beste für das Kind und es ist natürlich, wird schon funktionieren… Ein paarmal am Tag dem Kind die Brust für einige Minuten in den Mund stecken traute ich mir zu. Ganz idyllisch, so alle 3 Stunden die Brust für 10 Min und dann ist es wieder gut.

So habe ich mir das vorgestellt.

Was dann kam:

Horrorgeburt mit einer Menge an Medikamenten, die für keinen der Beteiligten gut waren, total fertiges Kind, total fertige Mama, kein Glück und keine Freude, nur Chaos.

Die erste Hebamme urteilt beim Blick auf die Brust „Das wird so nix“ und zack hatten wir Stillhütchen, ohne auch nur versucht zu haben, das Baby anzulegen… Zu diesem Zeitpunkt war der Sohn 1 Stunde auf der Welt.

Zu Hause dann verspäteter Milcheinschuss, blutige Brustwarzen, Gelbsucht, Krankenhaus, Zufüttern – HAAAAALT MAL, BITTE WAS??? Zufüttern wollte ich doch nun wirklich nicht. Wo ist denn die Natur, die Evolution, alles was das Baby braucht sollte doch die Brust und die Mama sein..?

Dann saß ich als neu-Mama heulend im Krankenhaus, wusste nicht mehr, was richtig und falsch war und warum bei uns alles schief gehen musste…

Die Kinderpflegerin sagte, das Kind müsse zugefüttert werden, ich traue mich „Nein“ zu sagen. Der beste Mann der Welt beruhigt mich und die ganze Situation, spricht nochmal mit einer anderen Kinderpflegerin. Und siehe da, ich bekomme ein Stillkissen, eine Milchpumpe, eine Anleitung, viel Hilfe, Geduld, liebe Worte, gutes Zureden und Pipetten zum stillfreundlichen Zufüttern.

Heute weiß ich, dass diese eine tolle Kinderpflegerin unsere Stillbeziehung gerettet hat und ich bin ihr so unendlich dankbar. Wahrscheinlich waren wir nach der ersten schlimmen Woche schon über die Klippe hinaus, der Weg zum Flaschenkind eingeschlagen und vorhersehbar. Aber sie hat uns zurück geholt und war die erste kompetente und ansprechbare Person, die uns in der ersten Zeit mit dem neuen Baby betreut hat.

Also, alles wird gut, hoffentlich, bald, und wir kamen nach Hause.

Endlich gab es wenigstens Milch für das Baby, das die 10% Gewichtsabnahme vom Geburtsgewicht erreicht hatte. Die Brüste waren immer noch verletzt, wir hatten immer noch Stillhütchen aber der Sohn musste nicht mehr hungern.

Die Tage zu Hause sahen dann so aus: Aufwachen, weil das Kind sich meldet, stillen – 45 min lang, wickeln, Kind schläft, Kind verwundert angucken, dass es überhaupt da ist, eindösen, nach 15 min wieder stillen – 40 min lang, wieder wickeln, Kind schläft, Stillhütchen waschen, schnell Zähne putzen, Kind meldet sich, ab aufs Sofa, stillen – 50 min lang, wickeln, DURST, HUNGER, HILFE!!! Kind döst, mit Kind auf dem Arm versuchen Tee zu machen und was zu Essen zu bekommen, schnell was Essen, wieder stillen – 40 min lang, wickeln, noch was Essen, Trinken, Kind schläft, schnell zur Toilette, dann daneben legen, eindösen, Papa kommt nach Hause: „Was habt ihr gemacht?“ – Hmmm, nicht viel…

Die Abende sehen so aus: 17 Uhr stillen, 18 Uhr stillen, 19 Uhr stillen. Während dem Stillen selbst was Essen, Trinken, Papa wechselt jetzt die Windeln, 20 Uhr stillen und das Kind schläft ein. 21 Uhr, wieder wach, weiter stillen, … usw. Das heißt Clusterfeeding und bedeutet, dass das Kind einfach ständig an der Brust sein möchte; weil die Welt blöd, kalt und anstrengend ist und das Trinken und Nuckeln bei Mama entspannt und tröstet.

Jaaaa, so war das bei uns mit dem Stillen… Ok, nicht jedes Kind trinkt länger als es Pause macht, so wie der kleine Sohn am Anfang aber ich habe in den ersten Wochen nichts anderes gemacht als gestillt und mal kurz zwischendrin meine dringendsten eigenen Bedürfnisse erfüllt.

Das Gute an all dem ist: Es wurde besser! Nach 10-12 Wochen trank das Baby zügiger, wir kamen von den Stillhütchen los, er schaute mich selig an und grinste beim Schlafen während ihm noch die Milch aus dem Mundwinkel tropfte. Das ist dann das vielbesagte Mutterglück (bissel Ironie, bissel Wahrheit)

Auch ohne hormongesteuerte Gefühlsduselei merkten wir spätestens bei der ersten schlimmeren Krankheit, beim Zahnen oder in Phasen richtig mieser Laune des Kleinen, dass Stillen Wunder wirken kann.

Der ganze Start ins Leben unseres Babys war leider eine Aneinanderreihung von kleinen und mittleren Katastrophen, wir hatten furchtbar wenig sinnvolle Unterstützung. Aber wir haben es geschafft und noch ganz lange gestillt.

Ich weiß heute: Stillen ist keine angeborene Fähigkeit, es muss erlernt werden und alle Mamas brauchen dabei Hilfe, damit es klappen kann. Sowohl das Kind als auch die Mutter lernen das Stillen in den ersten Wochen und Unterstützung sowohl beim Stillen selbst als auch im Haushalt und im restlichen Leben ist für die neue Mama so unglaublich wichtig.

Ich bin zum einen unseren Helfern sehr dankbar, dass wir es geschafft haben, habe andererseits tiefstes Verständnis und Mitgefühl mit allen Mamas, die trotz ihrem Wunsch zu Stillen nach kurzer Zeit bei der Flasche landen. Bei uns war es knapp und schwer und sehr anstrengend. Aber wenn das der Grund ist, warum ich heute allen werdenden und gewordenen Mamas gern unterstützend zur Seite stehe, hatte es auch wieder etwas Gutes.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s