Buch-Mittwoch: Nora Imlau – So viel Freuede, so viel Wut

Nora Imlau führt mit ihrem neuen Buch „So viel Freude, so viel Wut“ den Begriff des gefühlsstarken Kindes im deutschsprachigen Raum ein. Hierbei geht es ihr nicht darum ein neues Label einzuführen, mit dem wir unsere Kinder wieder in eine neue Schublade stecken können. Vielmehr ist der Beriff eine Bezeichnung für all die Babys und Kinder, die „anders“ sind. Manche sind besonders sensibel, andere haben auch nach der Babyzeit noch hohe Bedürfnisse und wieder andere sind sehr autonom.

Doch woran erkenne ich nun, ob mein Kind gefühlsstark ist oder ob es ein „ganz normales“ Kind ist? Nora Imlau führt im ersten Kapitel acht typische Eigenschaften gefühlsstarker Kinder auf. Wichtig ist, sie müssen nicht unbedingt alle erfüllt sein, es gibt auch gefühlsstarke Kinder, die nur einige der Kriterien erfüllen. Am ehesten erkennt man aber, ob man ein gefühlsstarkes Kind hat oder nicht, wenn man das Buch liest. Viele Eltern berichten, dass sie sich in so vielen Details und Beschreibungen wiedergefunden haben und nun erkannt haben, dass ihr Kind eben nicht einfach nur „anders“ ist, sondern auf seine Art richtig.

Doch wenn das Kind eben nicht so ist wie all die anderen in der Kindergartengruppe oder im Freundeskreis fangen Eltern an sich zu fragen, was sie falsch gemacht haben. Sie suchen die Schuld bei sich, bei ihren Erziehungsmethoden oder eben bei äußeren Einflussfaktoren, wie einer stressigen Schwangerschaft oder viel Streit in der Familie. Nora Imlau erklärt im zweiten Kapitel, dass keiner Schuld ist und zeigt auf, wie sich gefühlsstärke im menschlichen Gehirn darstellt. Sie ist also angeboren, da können die Eltern aus ihrer Sicht also noch so viel richtig oder falsch machen. Wichtig ist, dass sie erkennen, dass ihr Kind andere Bedürfnisse hat, dass es für manche Schritte länger braucht oder einige Wege etwas verschlungener sind. Sie sind nicht die Traumkinder, die wir uns vor der Schwangerschaft oder auch währenddessen ausgemalt haben. Sie bringen unglaublich viele Herausforderungen mit, aber sie bringen auch so viel Freude mit, wenn wir Eltern uns auf sie einlassen.

 

Doch wie gehen Eltern nun mit einem gefühlsstarken Kind um? Wie gelingt es all die kleinen Stolpersteine zu umgehen, Krisen zu meistern und eventuell Geschwisterkinder zu schützen. Genau hier setzt das Buch an. Nora Imlau geht auf viele Alltagssituationen ein und gibt Beispiele, wie mit den Kindern umgegangen werden kann. Dabei gelingt es ihr den Blickwinkel des Lesers zu ändern, der sein Kind plötzlich mit ganz neuen Augen sieht. Plötzlich sagen wir nicht mehr „Stell dich nicht so an!“, sondern „Darf ich dich in den Arm nehmen und für dich da sein!“. Das ist ein großer Schritt. Ein Schritt der oft sehr viel Kraft kostet, der aber auch belohnt wird.

Und trotzdem stellt uns der Alltag mit gefühlsstarken Kindern vor viele Herausforderungen. Oft benötigen sie viel weniger Schlaf als andere gleichaltrige Kinder. Sie essen schlechter oder haben schlicht keine Zeit dazu oder sind zu überreizt vom Angebot. Sie sind empfindlich was Kleidung angeht und haben am liebsten den lieben langen Tag entweder immer wieder das gleiche oder gar nichts an. Oft haben sie Schwierigkeiten mit neuen Situationen und Übergängen. Und sie verhalten sich oft anders als andere Kinder, was ihnen Schwierigkeiten bereitet Freunde zu finden. Sie in all diesen Situationen zu begleiten ist für uns Eltern nicht immer leicht, aber es ist lohnenswert. Gerade diese Kinder lernen so, mit ihren starken Gefühlen umzugehen und können so gestärkt in ihren Alltag gehen.

 

Mich hat das Buch sehr beschäftigt und gefesselt und tatsächlich die ein oder andere Erklärung für mein Verhalten in der Kindheit oder das der Tochter geliefert. Ob wir nun gefühlsstark sind oder nicht, kann ich nicht genau sagen. Auf mich treffen mehr der acht Kriterien zu als auf die Tochter, was ja nun aber nicht ausschlaggebend sein sollte. Ich weiß nun noch besser, wie ich auf uns beide aufpassen muss. Wie wir manche Situationen vielleicht besser meistern können und warum wir einfach manchmal so sind wie wir sind und dass wir genau so richtig sind.

Und ich habe mich im Zuge der Lektüre noch einmal und sehr intensiv vom Idealkind verabschiedet. Die Tochter ist nicht „das typische Kind“. Sie hat immer noch sehr mit dem Einschlafen zu kämpfen, auch wenn sie müde ist. Fasst jemand ihren Bruder an, kann das bei ihr einen Wutanfall oder einen Weinkrampf auslösen, denn das ist ja schließlich ihr Bruder. Sie kann sich phasenweise gar nicht alleine beschäftigen und braucht ganz viel Mama und Papa. So anstrengend das ist, es ist ok. Und dank dem Buch weiß ich nun, dass es uns hilft, wenn wir uns einfach viel öfter umarmen, kurz inne halten und uns sagen, dass die Gefühle, die da gerade raus wollen auch raus dürfen und völlig in Ordnung sind.

 

Sollten jetzt also nur Eltern von gefühlsstarken Kindern das Buch lesen? Ich finde nein, denn es gibt so viele Punkte, die für alle Kinder gelten und so viele Ideen, wie wir Eltern es anders machen können. Davon sollten alle Kinder profitieren. Allein das Kapitel über die Eingewöhnung in der Betreuung ist toll geschrieben und für alle Eltern ein guter Leitfaden.

 

Wir danken dem Kösel Verlag für das Rezensionsexemplar.

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