Beziehung statt Erziehung – Behandle dein Kind wie einen Gast

Kinder wurden in den letzten Jahrzehnten in der Erziehungsliteratur häufig wie Objekte betrachtet, die zum Funktionieren bewegt werden müssen. Ihre Gefühle und Würde wurden unwichtig und unsere Verantwortung als Eltern haben wir an Gewohnheiten („Das war schon immer so und hat mir auch nicht geschadet“) abgegeben.

Wie finden wir nun einen gemeinsamen Weg mit unseren Kindern, wenn wir wahrscheinlich in Familien aufgewachsen sind, in denen die Grundwerte von Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Verantwortung nicht immer respektiert wurden?

Zur Verdeutlichung habe ich in Gedanken gern das Bild eines Gastes, der bei uns zu Besuch ist. Gästen bringen wir in unserer Kultur den größten Respekt entgegen, deshalb kann dieses Bild uns viel Denkarbeit sparen, wie wir die theoretischen Grundsätze umsetzen.

Wie einen Gast haben wir unsere Kinder zu uns eingeladen, sie werden eine Weile bei uns bleiben und dann ihre einen Wege gehen. Stellen wir uns noch vor, dass unser Gast vielleicht aus einem anderen Teil der Welt kommt und mit unseren Gepflogenheiten nicht vertraut ist.

So verhält es sich auch mit unseren Kindern. Wenn sie auf die Welt kommen, kennen sie keine der sozialen Regeln, nach denen unsere Gesellschaft funktioniert. Es ist unsere Aufgabe, ihnen diese näher zu bringen, damit sie in der Welt zurecht kommen, wenn sie uns eines Tages verlassen. Am besten lernen wir in einer geschützten Umgebung, in der wir willkommen sind und Fehler machen dürfen, in der uns niemand verurteilt oder lächerlich macht.

Wir würden einem Gast Essen und Trinken anbieten, ihm einen Schlafplatz und Kleidung geben. Wir würden ihm zur Seite stehen, wenn er nicht zurechtkommt. Wir würden ihm helfen aber ihm auch seinen Stolz lassen, wenn er etwas selbst versuchen möchte.

Vom ersten Tag an können wir unseren kleinen Gästen zutrauen selbst zu entscheiden, wann sie hungrig und durstig sind, wann sie satt oder müde sind. Unserem lieben Gast vom anderen Ende der Welt würden wir nicht sagen, dass er noch einen Stunde wach bleiben muss, damit er uns morgen früh nicht zu früh weckt oder ihn in sein Zimmer schicken, damit er endlich schläft, wenn wir unsere Ruhe haben möchten. Wir würden keine strengen Essenszeiten vom ersten Tag an vorgeben, damit er merkt, wer der Herr im Haus ist. Wenn er uns um Essen oder Trinken bittet, würde wir es ihm geben.

Schüttet unser Gast beim Frühstück aus Versehen seinen Saft um, dann würden wir nicht schimpfen und ihm sagen, dass er Pech gehabt hat und auch morgen keinen Saft zum Frühstück bekommen wird. Wir würden ihm einen neuen Saft holen und ihn bitten, beim Aufwischen zu helfen, falls das im Rahmen seiner Möglichkeiten liegt.

Sich dieses Bild vor Augen zu führen hilft mir in anstrengenden Situationen den Überblick zu bewahren und nicht in meine eigenen Erziehungsmuster zu verfallen. Man kann sich in jeder brenzligen Situation selbst die Frage stellen „Würde ein erwachsender Mensch vor mir stehen, wie würde ich reagieren?“.

In Beziehung zu leben und auf Erziehung zu verzichten ist kein leichter Weg. Wir brauchen Interesse für das, was in den Kinderköpfen vorgeht, müssen versuchen sie zu verstehen und ihr Verhalten annehmen, akzeptieren, wertschätzen. Ein „hab dich doch nicht so“ ist leichter und schneller gesagt als zu überlegen welch einen anstrengenden Tag unser Kind hinter sich hat, dass die Situation gerade unübersichtlich ist, dass das Kind überfordert ist, unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung benötigt, dass wir mehr tun müssen als zu meckern.

Wir müssen uns mit Bedürfnissen und Gefühlen auseinander setzten, mit denen unsere Kinder und unseren eigenen. Entscheiden, was wirklich wichtig ist, uns Zeit nehmen füreinander. Wir brauchen Stärke um uns gegen die hektische, bestimmende und verrückte Welt zu stellen.

Wir müssen wieder lernen, die Welt mit Kinderaugen zu sehen um eine stabile Beziehung zu ihnen aufzubauen. Jedes Verhalten unsere Kinder ist auf seine Weise sinnvoll. Sie möchten uns damit etwas sagen, uns aufmerksam machen oder Hilfe bekommen, wir müssen nur hinschauen, hinhören, einfach „da“ sein.

Wir haben es oft erlebt, dass ihre Not umso größer ist, je aufbrausender, widerspenstiger und unkooperativer unsere Kinder sich verhalten. Es ist keine Provokation, es ist die beste Möglichkeit ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Je größer das Drama desto engagierter sollten wir den „Hilferuf“ suchen, der dahinter steht.

Wir haben die kleinen Menschen zu uns eingeladen, wir wünschen uns, dass sie sich wohl und sicher fühlen, dass sie gern bei uns sind und unsere Gesellschaft schätzen. Wenn wir uns ihnen gegenüber respektvoll, einfühlsam und authentisch verhalten, werden sie ihren Selbstwert und den Wert ihrer Taten kennen lernen. Sie werden selbstbewusst entscheiden können, welchen Weg sie gehen und in welchem Tempo.

Wir wissen nicht, wann sie gehen, wir wissen nicht, wohin sie gehen. Aber das ist auch nicht wichtig, denn solange sie mit erhobenem Haupt, sicheren Schrittes und einem erwartungsvollen Lächeln im Gesicht auf ihrem selbst gewählten Weg gehen, haben wir ihnen das Beste gegeben, was wir konnten. Einen guten Partner, mit dem sie die Regeln einer Gruppe und die Regeln der Welt üben konnten, bevor sie gehen. Denn sie werden gehen. Und wenn sie ihr erstes Heim in warmer, herzlicher Erinnerung behalten, dann kommen sie auch wieder zu Besuch.

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