Babys schreien lassen – Wann kann liebevoll begleitetes schreien dem Baby helfen?

Ein Baby schreien lassen ist etwas, dass die wenigsten Eltern heutzutage noch machen, denn wir wissen heute sehr genau welchen Schaden dies dem Kind zufügen kann (hier habe ich ausführlich darüber geschrieben). Jedoch ist es manchmal nötig, dass wir unsere Kinder schreien lassen, auch wenn sich der Gedanke im ersten Moment schlecht anfühlt. Manchmal bleibt uns aber auch gar nichts anderes übrig, als das schlimme weinen und schreien zu begleiten, denn viele Schreibabys schreien und weinen untröstbar über einen längeren Zeitraum.

Doch wann macht es nun wirklich Sinn, das Schreien eines Babys zu begleiten? Wann ist es gut dem Baby die Möglichkeit zum Weinen zu geben? Und wie kann es uns als Eltern gelingen dieses Weinen und Schreien gut zu begleiten?

Unsere Erfahrung

Die Tochter schrie die ersten viereinhalb Monate, das Schreien war oft durch nichts zu stillen. Ja, auch stillen ging oft nicht oder sie stillte kurz und fing dann wieder an zu weinen, stillte wieder kurz, weinte und so weiter. Es gab Momente, in denen sie so schlimm schrie, dass wir den Eindruck bekamen, sie wäre gar nicht mehr richtig da. Sie aus solch einem Anfall zu holen war schwierig, danach war sie sehr erschöpft und schaute uns auch so manches mal verwirrt an.

Um zur Ruhe zu kommen brauchte sie viel Hilfe. Sie schlief im Kinderwagen ein, wenn der in Bewegung war und im besten Fall über einen holprigen Feldweg oder ähnliches fuhr. Auch in der Trage, wenn ich herum lief, schlief sie nach einiger Zeit ein. Oder eben auf dem Arm, im Klammergriff, wie wir es nannten. Dann hielten wir ihre Ärmchen und Beinchen fest und drückten sie ganz fest an uns, während sie schrie und schrie und schrie. Wir trugen sie stundenlang schreiend durchs Wohnzimmer, gefühlt hatten wir dort eine Furche gelaufen.

Uns gelang es einfach oft nicht ihr weinen oder schreien zu beruhigen und ihr das zu geben, was sie brauchte. Rückblickend frage ich mich aber mittlerweile immer öfter, ob sie denn wirklich aus einem Bedürfnis heraus geschrien hat oder ob sie einfach den Schmerz über ihre anstrengende Geburt und den Frust, dass sie sich noch nicht so selbstständig bewegen konnte, wie sie es gerne wollte, herausschreien musste.

Auch der Sohn konnte viel weinen, aber wesentlich weniger als die Tochter. Meist drückte er durch sein weinen tatsächlich ein Bedürfnis aus und davon hatte er sehr viele und sehr intensive. Völlig in Ordnung, aber auch sehr anstrengend. Bei ihm gelang uns schließlich, was uns bei seiner großen Schwester nicht gelungen war. Wir konnten akzeptieren, dass es Momente gab in denen es uns nicht gelang uns zu verständigen und dass es sicher auch Momente gab in denen der Sohn weinen musste. Diese Phasen lösten bei mir keinen Stress mehr aus. Viel mehr erklärte ich ihm, dass ich nicht weiter wisse, für ihn da sei und ihm jetzt einfach zuhören würde.

Babys dürfen weinen

Weint ein Baby, wollen wir es so schnell wie möglich beruhigen und zur Ruhe bringen. Wir sind nur eine perfekte Mutter (oder auch ein perfekter Vater), wenn das Kind perfekt ist. Und ein perfektes Kind weint nicht. So hat es zumindest den Anschein. Diesem Druck sind viele Eltern ausgesetzt und so unterdrücken sie das kleinste Weinen oder Wimmern ihres Kindes mit einem Schnuller, viel stillen, Essen oder anderen Ersatzhandlungen.

Dabei ist es völlig in Ordnung, wenn ein Baby weint. Denn weinen ist so viel mehr als nur der Ausdruck eines Bedürfnisses, dass die Eltern stillen müssen. Nach Thomas Harms gibt es drei unterschiedliche Arten des Babyweinens und damit auch drei unterschiedliche Kategorien, in die wir das weinen unseres Babys einordnen können. Diese sind das Bedürfnisweinen, das Erinnerungsweinen und das Resonanzweinen (hier habe ich bereits darüber geschrieben). Bedürfnisse sind eben nur ein Grund, warum Babys weinen. Dieses weinen zu hören und zu schauen, dass es beruhigt wird in dem wir ein Bedürfnis stillen, ist völlig in Ordnung. Doch gerade bei Weinen, das in die Kategorie Erinnerungsweinen fällt, ist es nicht immer gut, genau dieses zu unterdrücken.

Weint unser Baby vermutlich aus einem Trauma heraus, tuen wir unserem Kind einen Gefallen, wenn wir es weinen oder schreien lassen. Es ist nicht in der Lage sich anders auszudrücken und mit den oft heftigen Gefühlen umzugehen. Weinen löst Spannungen und baut Stress ab, genau das, was ein traumatisierter Mensch brauchen kann.

Ersatzkontakt

Dieses Erleben (Kreislauf aus Schreien, Stress und Leid, Anm. der Autorin) führt dazu, dass die meisten Eltern neue Verhaltens- und Umgangsformen zu entwickeln beginnen. Dabei handelt es sich um Ersatzstrategien, mit deren Hilfe sie ihr Baby vom Schreine abzulenken versuchen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Ersatzkontakten.

Thomas Harms, Keine Angst vor Babytränen, S. 99

Ersatzkontakt bedeutet also Ersatzhandlungen zu finden, die das Weinen oder Schreien des Babys beruhigen oder, um es etwas deutlicher zu formulieren, unterdrücken, ohne seine wahren Beweggründe zu erforschen und zu hinterfragen.

Kinder bekommen zwar Zuwendung, aber nicht in der emotionellen Tiefe, wie sie diese benötigen. Die Situation für das Kind ändert sich nicht und so beginnen viele Kinder sofort wieder zu jammen, weinen oder schreien, wenn der Ersatzkontakt unterbrochen wird, also das Kind beispielsweise vom Arm herunter gesetzt wird.

Es entsteht ein Teufelskreis, der für alle Beteiligten oft keine Erleichterung bringt. Denn auch wenn es den Eltern gelingt mit der Ersatzhandlung das Weinen oder Schreine zu unterbinden oder zu mildern, machen sie sich abhängig von bestimmten Verhaltensmustern, wie wippen, tragen, füttern oder ähnlichem. Sie beschneiden sich oft selbst in ihrer persönlichen Freiheit und spüren unterbewusst, dass sie ihr Problem so nicht beheben, sondern es vielleicht sogar schlimmer machen. Die Situation erscheint noch aussichtsloser als zuvor.

Aber nicht nur für die Eltern ist es eine unbefriedigende Situation. Das Baby erfährt, dass sein Weinen nicht „richtig“ ist, dass es Stress bei seinen Eltern auslöst und dass das Weinen unerwünscht ist. Babys passen sich schnell an, denn sie sind von uns abhängig. Sie unterdrücken Gefühle und verhindern damit oft einen tiefen und echten Kontakt zwischen den Eltern und dem Baby.

Und noch ein weiterer Knackpunkt entsteht. Das Baby lernt nicht nur, dass einige seiner Gefühle nicht richtig sind bzw. von den Bezugspersonen in seinem Leben nicht aufgenommen werden, sondern es erfährt auch, dass innere Unruhe, Spannung oder Druck durch Ersatzhandlungen beruhigt oder abgemildert werden können. So kann es geschehen, dass sie diese Ersatzhandlungen immer häufiger fordern, wenn beispielsweise Langeweile entsteht.

Wie kann es uns gelingen unsere Babys weinen zu lassen ohne ihnen zu schaden?

Obige Ausführungen zeigen, dass es manchmal einfach notwendig ist, dass ein Baby weint oder schreit, dass wir nicht immer etwas finden müssen, um dies zu unterdrücken. Doch schnell stellt sich die Frage, wie wir dieses Weinen und Schreien gut und liebevoll begleiten können, ohne dass das Kind Schaden nimmt.

Ich denke, es gibt keine allgemeine Antwort auf diese Frage, denn wir sind alle unterschiedlich und unsere Babys weinen alle aus sehr verschiedenen Gründen. Manchen Eltern hilft schon das Wissen, dass das Baby unbeschadet bleibt, wenn es in Kontakt mit den Eltern ist und wir ihm Zurspruch geben und das weinen „erlauben“. Andere Eltern geraten trotz diesem Wissen bei jedem Weinen oder Schreien unter Stress. Für sie ist es wichtig eine Strategie zu finden, die ihne hilft diese Situationen gut durchzustehen und dem Kind eine Stütze zu sein.

Thomas Harms beschreibt in seinem Buch eine Atemtechnik, die bisher vielen Eltern geholfen hat diese schwierige Phase zu durchstehen. Vielleicht hilft auch das Wissen, dass vielen Kindern schon geholfen ist, wenn sie sich einmal richtig ausweinen können. Wer darüber hinaus aber unsicher ist, kann sich an zahlreiche Fachpersonen wenden, die liebevoll und kompetent helfen, wie beispielsweise die Emotionellen Ersten Hilfen (diese gehen auf Thomas Harms zurück), artgerecht Coaches oder andere bedürfnisorientiert arbeitende Coaches.

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