Schreibaby – Es gibt immer einen Grund aber er ist nicht immer zu erkennen

Kürzlich las ich das Buch von Susanne Mireau und Anja Gaca zum Thema Schreibabys. Dort erklären die beiden Autorinnen, dass es wichtig ist dreistufig vorzugehen. Als ersten Schritt beobachten wir unser Kind, dann verstehen wir sein Problem und erst dann handeln wir. Laut ihrer Aussage würden die meisten Eltern nur zweistufig vorgehen und den Schritt des Verstehens überspringen. An dieser These ist sicherlich viel wahres dran, denn oft hört man von verzweifelten Eltern eine ganze Palette an Dingen, die sie schon ausprobiert haben. Sie waren beim Osteopathen, beim Orthopäden, bei verschiedenen Kinderärzten, in der Schreiambulanz, haben Pupsglobuli ausprobiert, den Bauch massiert, die Milchsorte gewechselt wenn das Kind nicht gestillt wird und und und.

Jetzt ist es natürlich schön leicht zu sagen, dass man ja nur mal hätte besser hinschauen müssen, um das Problem zu behandeln. Und ja, es kann leicht sein durch genaues Beobachten das Kiss-Syndrom zu erkennen. Muss es aber nicht. Wir sind Eltern, keine Ärzte oder ausgebildete Therapeuten. Und so finde ich es recht schwer für einen Laien zu erkennen, ob das Kind eine Regulationsstörung hat, ob es sehr sensibel ist, ob es einen starken Drang nach Autonomie hat oder ob sonst einer der zahlreichen Gründe zutrifft, die das schreien auslösen können.

Ein Grund ist nicht immer erkennbar

Einen Grund für das viele schreien gibt es immer. Da unsere kleinen Menschenbabys aber noch in einer Sprache mit uns sprechen, die wir sehr schwer verstehen, fällt es uns nicht leicht den Grund zu erfahren. Wie bereits geschrieben ist manches sehr leicht zu erkennen, wenn nicht von uns, dann von einem guten Kinderarzt oder Osteopathen. Doch es gibt zahlreiche Gründe, die niemand erkennen kann und die wir nur erraten können.

Die Tochter war solch ein Fall. Wir haben, zu Beginn noch mit der Hebamme, das schreiende Bündel beobachtet. Ich habe sogar Videos von den schlimmsten Schreiphasen gemacht, um sie der Hebamme bei ihren Besuchen zu zeigen. Zuerst vermuteten wir, dass sie einfach vor Hunger schrie, denn ich hatte einen sehr sehr späten Milcheinschuß. Doch auch zufüttern half nichts. So vermuteten wir Bauchschmerzen, der kleine Körper musste ja erstmal ankommen und war dann gleich mit Blut und artfremder Milch gefüttert worden. Doch auch hier schlug nichts an. So ging es dreieinhalb Monate weiter, bis ich mich an eine Therapeutin wandte, die auf Schreibabys spezialisiert war. Und auch sie erkannte nichts. Sie besuchte uns mehrmals zu Hause, filmte uns und sprach viel mit mir. Der Grund für die Schreierei blieb uns unbekannt. Als die Tochter größer wurde, wollte sie sehr schnell selbständig sein. Wir vermuteten, dass sie schon als Baby Frust hatte, weil vieles nicht so ging wie sie es wollte. Vielleicht ist sie das, was Juul ein autonomes Kind nennt. Vielleicht war für sie aber auch nur die Geburt schlimm. Und vielleicht war es etwas anderes, wir werden es nie erfahren. Doch ich weiß, grundlos hat sie nicht geschrien.

Akzeptieren, dass der Grund manchmal nicht erkennbar ist

Es ist schwierig genau diesen Umstand zu akzeptieren, denn alles in uns ist darauf ausgelegt das Baby zu beruhigen und den Grund für sein unermüdliches schreien zu finden. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass es uns und all den Fachleuten, die wir besuchen, nicht gelingt dem Kind zu helfen. Es lässt uns verzweifeln, aber auch wachsen.

Mir ist es wichtig, dass betroffenen Eltern klar ist, dass sie nicht immer einen Grund für das viele schreien ausmachen können. Viel zu oft bekommen sie Ratschläge, die bei einem „normalen“ Baby wunderbar funktionieren, die das viel schreiende Baby aber gar nicht beruhigen.

Viele Eltern von Schreibabys tragen ihre Kinder bis zur Erschöpfung und darüber hinaus am Körper. Sie stillen stundenlang oder kuscheln ihr Baby, dass nicht gestillt wird. Sie laufen Kilometer um Kilometer oder hopsen auf dem Gymnastikball. Sie geben sich auf.

Diese Eltern haben es nicht verdient gesagt zu bekommen, dass sie nur genau hinschauen müssen. Dass es immer einen Grund gibt ist richtig, manchmal möchten sie es aber nicht hören. Solche Dinge sorgen dafür, dass erschöpfte und verzweifelte Eltern noch verzweifelter werden und sich selbst gar nicht mehr trauen.

Liebe Eltern da draußen, die ihr gerade euer viel schreiendes Baby herumtragt, stillt, schaukelt oder sonst etwas tut. Ihr seid tolle Eltern und ihr habt sicherlich nicht versagt, wenn ihr keinen Grund fürs schreien erkennen könnt.

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