Buch-Mittwoch – Meine Auseinandersetzung mit „Jedes Kind kann schlafen lernen“

Für die Ausbildung zum artgerecht Coach musste ich ein Buch lesen, welches nicht die artgerechte Sicht vertritt. Und so habe ich mich für den „Klassiker“ entschieden und mich ehrlich gesagt Seite um Seite durch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von Annette Kast-Zahn gequält (mein Mann hat mich irgendwann gebeten ihm nicht mehr daraus vorzulesen, wenn mich eine Stelle besonders erregt hat…).

Ich habe mich mit diesem Buch auseinandergesetzt, da es leider noch sehr verbreitet ist es gerade Müttern mit sogenannten Schreibabys zu empfehlen bzw. Schlaftrainings und Schlaftrainer nach dieser Methode. So kann ich nun nicht einfach nur gegen das Ferbern etwas sagen, sondern kann auch sagen, dass ich das Buch gelesen habe und mich damit auseinander gesetzt habe.

Aus meiner Sicht ist schon allein der Titel verkehrt, denn wir wissen: Nicht die Babys und Kleinkinder müssen schlafen lernen, sondern wir Eltern müssen wieder neu lernen zu schlafen. In unserer westlichen Gesellschaft ist es üblich und durch den vorgegebenen Alltag (Arbeit, Kindergarten oder Schule für größere Kinder) notwendig, dass wir unser Schlafbedürfnis in den Nachtstunden erfüllen. Doch für einen Säugling ist das unnatürlich, denn er schläft genau dann, wenn er müde ist, also genau dann wenn er Bedarf danach hat. Natürlich kollidiert dies sehr stark mit unserem antrainierten acht-Stunden-Schlaf.

Frau Kast-Zahn spricht bei diesem normalen Schlafverhalten von einer „kindlichen Schlafstörung“ (Kind schläft schlecht ein oder wacht mehrmals in der Nacht auf) (Seite 17, JKKSL). Deswegen ist ihre These:

„Alle gesunden Babys, die mindestens 6 Monate alt sind, können durchschlafen. Wenn sie es noch nicht tun, können sie es lernen. Sogar schnell.“ (Seite 20, JKKSL).

Beides widerspricht dem artgerechten Schlafansatz, der aus meiner Sicht für Babys und Kinder sehr viel gesünder ist, denn sie bekommen den Schlaf, den sie benötigen und durch nächtliches Stillen die Nahrung und Nähe, die ihr Körper benötigt.

Und auch die Aussage, dass alle Kinder mit sechs Monaten durchschlafen lernen können ist so nicht richtig. Die Schlafreife und somit die Fähigkeit mehrere Stunden am Stück zu schlafen, also selbstständig von Schlafphase zu Schlafphase zu kommen und selbstständig Schlafbrücken zu etablieren, ist ein biologischer Prozess, der nicht beschleunigt werden kann.

Im Buch JKKSL wird außerdem gesagt, dass Kinder ab diesem alter mindestens elf Stunden ohne Nahrung auskommen können. Doch gerade im Alter von sechs Monaten beginnt bei vielen Kindern die Zeit des Zahnens, so dass sie allein wegen der Schmerzen oft schon nachts wach werden. Es ist also ganz normal, dass Stillkinder noch lange nachts wach werden, nicht nur wegen Zahnungsschmerz, sondern auch wegen Bedürfnissen wie Hunger, Nähe oder ähnlichem. Es spricht nichts dagegen diese Bedürfnisse zu befriedigen und dem Kind so in die nächste Schlafphase zu helfen, solange dieses Arrangement für alle passend ist.

Korrekt wiedergegeben wird im Buch JKKSL, wie sich die Schlafphasen im Baby- und Kinderalter verändern. Jedoch werden auch hier wieder falsche Schlüsse gezogen, denn im Buch ist an keiner Stelle die Rede davon, dass Babys und Kinder von uns einen gesunden Schlaf und ein gesundes Schlafverhalten lernen müssen und nicht automatisch ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Lage sind ihre einzelnen Schlafphasen zu verbinden.

Viel mehr wird im Buch beschrieben, was absolut korrekt ist, dass Babys immer wieder in der Nacht wach werden und überprüfen, ob sie noch sicher sind. Unsere Babys sind absolute Steinzeitbabys, die nicht wissen, dass wir die Eingangstür abgeschlossen haben und sie mit Babyphones und sonstigen technischen Geräten überwachen und dass weder der Säbelzahntiger, noch die arktische Kälte oder ähnliche Gefahren Zutritt zu unserem Haus oder unserer Wohnung haben.

Frau Kast-Zahn stellt deswegen die These auf, dass es wichtig ist Kinder so früh wie möglich an die Einsamkeit zu gewöhnen, sie schon beim Einschlafen allein zu lassen, damit sie die immer wieder gleiche Situation vorfinden, wenn sie nachts aufwachen. Nämlich: Sie sind alleine und das ist in Ordnung.

Doch das ist überhaupt nicht in Ordnung, denn die Kinder lernen dadurch nur eins: „Ich kann so viel schreien wie ich will, es wird niemand kommen und nach mir sehen.“ Exakt Diese Kinder fahren das Notprogramm, viele werden ruhig, da sie durch ihr schreien ja eher den potentiellen Säbelzahntiger auf sich aufmerksam machen und sich somit in ihrem Zustand des alleingelassen seins noch mehr in Gefahr bringen, als sie es sowieso schon sind.

Dieser Punkt spricht auch sehr deutlich gegen die Methode des Ferberns, die in JKKSL propagiert wird und worauf ich hier nicht näher eingehen möchte, da dies den Rahmen sprengen würde.

Immer wieder werden in dem Buch Fallbeispiele aufgeführt von Eltern mit Kindern mit „Schlafstörungen“. Und immer wieder wird hier aus artgerecht Sicht völlig falsch an das „Problem“ herangegangen. Denn es wird nie das große ganze Bild betrachtet, nicht nach Hilfefür die Eltern gesucht oder geschaut, warum das Baby oder Kind nachts wach wird. Immer wird sofort mit der (gefühlten) Keule draufgeschlagen. Dabei gibt es so viele weitere und liebevollere Wege, wie Kindern und Babys und auch deren Eltern geholfen werden kann (siehe hierzu artgerecht-Babybuch 132ff.)

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