Mein Kind ist nicht fremd betreut

Gerade wenn man sich in Kreisen bedürfnisorientiert erziehender Eltern umhört, bekommt man schnell gesagt, dass Fremdbetreuung nicht gut für das Kind ist und Kinder möglichst lange bei der Mutter bleiben sollen. Fremdbetreuung bedeutet Stress, den das kleine Kinderhirn nicht verarbeiten kann und der nachhaltig schaden kann. Dem will ich gar nicht widersprechen, denn so manches Kind ist sicherlich nicht optimal untergebracht und geht in einer Kita mit viel zu vielen Kindern und viel zu wenigen Erziehern unter.

Doch was mich unglaublich nervt, ist diese pauschale Verurteilung. Ich werde in manchen Facebook-Gruppen regelrecht an den Pranger gestellt, weil ich eine unglaublich schlechte Mutter bin und mein Kind erst beim Vater und dann sogar in einer Kita gelassen habe. Denn für die Hardcore-Muttis zählt nur eins, Mama bleibt daheim, um jeden Preis. Da geht es nicht mehr um die Bedürfnisse aller Familienmitglieder, der Vater hat zu funktionieren und das nötige Geld heranzuschaffen. Und all das nur, um dem Kind die böse Fremdbetreuung nicht anzutun. Doch was genau ist Fremdbetreuung und warum verwenden wir so ein blödes Wort dafür? Denn ich sage ganz klar, dass meine Tochter nicht fremd betreut ist.

Und doch geht mein Kind in den Kindergarten, schon seit sie 13 Monate alt ist. Einen Monat lang in Begleitung ihres Papas, seitdem ganz alleine und auch noch ziemlich lange. Natürlich würden wir gerne viel mehr Zeit mit unserem Kind verbringen und finden es nicht optimal, dass sie so lange in der Obhut anderer ist, jedoch müssen wir beide arbeiten gehen, um das Leben zu finanzieren, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder befriedigt.

Und trotzdem ist mein Kind nicht fremd betreut, denn es geht jeden Tag an denselben Ort mit den immer gleichen Menschen. Menschen, die teilweise seit über 30 Jahren in diesem Job arbeiten und das weil sie es als ihre Berufung ansehen. Und diese Menschen gehören zum Leben meiner Tochter genauso dazu wie ihre Großeltern, Tanten und Onkel.

Wir konnten nicht wählen wohin wir sie geben würden und so war es ein Glückspiel bei dem wir anscheinend einen ziemlich guten Preis gewonnen haben. Kleine Kita mit nur einer Gruppe und Kindern im Alter von einem bis zu sechs Jahren. Und dazu vier Erzieherinnen und Erzieher, die für alles offen sind und auf jedes einzelne Kind eingehen. Die wenigen Male, die ich zum abholen mitkomme, bekomme ich erzählt, wie toll die Tochter doch ihre Bedürfnisse kommunizieren kann und wie gut so alle miteinander zurecht kommen.

Und warum tut mein Kind das, warum kommuniziert sie dort so klar? Böse Zungen würden jetzt behaupten, dass das arme Kind eben kooperieren muss, weil es ja mit fremden Meschen zusammen sein muss. Ich denke aber sie tut es, weil dort Menschen sind, die sie in ihr Herz geschlossen hat. Und das sind nicht nur die Erzieherinnen, dass sind auch die älteren Kinder, die ihr beim Essen oder anziehen helfen oder einfach mal die Hand reichen, wenn sie die braucht.

Mein Kind ist nicht fremd betreut! Mein Kind verbringt seinen Tag glücklich in einer Kindergruppe mit lieben Erwachsenen. Mit Menschen, die sie in ihr Herz geschlossen hat.

 


Clara

6 Gedanken zu “Mein Kind ist nicht fremd betreut

  1. DANKE! Du sprichst mir so sehr aus dem Herzen!
    Mir geht dieser Zeigefinger bei einigen in der „Community“ auch schwer auf den Keks. Auch meine Kinder gehen beide jeweils seit dem 1. Lebensjahr in die Krippe bzw jetzt in den Kiga und bei beiden habe ich ein gutes Gefühl dabei.
    Sie sind dort nicht fremd, sondern werden gesehen, geachtet und wertgeschätzt und machen viele wertvolle Erfahrungen, die ich ihnen nicht bieten könnte. Abseits davon mache ich meinen Job gern und lebe meine Kinder das auch gerne vor. 🙂
    Und eine teilzeitarbeitende Mama wird meinen Kindern sicher nicht die komplette Bindung ruinieren. Die fußt ja dann doch auch noch auf anderen Dingen als auf permanenter Anwesenheit. 😉 Ganz liebe Grüße, Sonja

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    1. Liebe Carola,
      schade, dass du nicht verstanden hast was ich sage. Ich finde deinen Kommentar sehr herabwürdigend gegenüber den Menschen, die in Kindergärten und Kinderkrippen arbeiten. Die Leiterin unseres Kindergartens macht ihre Arbeit sehr gerne und mit viel Herzblut. Sie investiert viele Stunden ihrer Freizeit in den Kindergarten und dessen Umfeld, buddelt mit uns Eltern im Garten, baut Spielgeräte auf und vieles mehr. Und das alles ohne dafür Geld dafür zu bekommen. Sie und auch die anderen Erzieher werden mit etwas viel schönerem belohnt, glücklichen Kindern. Das geht weit über eine reine Geschäftsbeziehung hinaus.
      Liebe Grüße
      Clara

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  2. Ich habe da ein ganz anderes Bild bekommen. Kleine Kinder, gerade mal ein Jahr alt, klammern sich an der Mutter fest sie in der Kita alleine gelassen werden. Auch größere Kinder kommunizieren oft sehr klar, dass sie nicht in den Kiga wollen, manche reagieren auch mit Krankheit. Lässt sich nicht pauschalisieren, weiß ich, aber es gibt diese Kinder zuhaufe und ihnen wird einfach nicht zugeört. Die Hardcore-Muttis die zuhause bleiben, machen das Zuhause bleiben nicht allein aus dem Grund weil es ins Konzept der Bedürfnisorientierung passt und gerade hipp ist, sondern weil die ganze Familie davon profitiert. Der Mann hat den Rücken frei, die Kinder haben den Schutz des häuslichen Umfeldes und eine sie bedingunslos liebenden Mutter, das kann keine Kindergärtnerin ersetzen, nicht mal ansatzweise und es gibt weniger Gehetze und Druck, insbesondere am Morgen. Bei uns verläuft jeder Morgen ruhig und entspannt. Ich bin dankbar nicht den Spagat zwischen Muttersein, Haushalt und Beruf hin bekommen zu müssen. Und finanziell ist so vieles auch nur mit einem Gehalt möglich, wenn man es nur will und bereit ist auf unnötigen (Ersatzbefriedigungs-)konsum zu verzichten. Allein schon das ständige Rechtgefertige der arbeitenden Mamas zeigt für mich nur, dass sie ein dauerhaft schlechtes Gewissen haben und innerlich hin und her gerissen sind. Wer auf sein Bauchgefühl hört, sofern er eines hat, würde niemals gerne sein kleines Kind in die Fremdbetreuung geben. Die sind einfach noch so klein.

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  3. Liebe Janina,
    wie ich eingangs in meinem Artikel schreibe sind viele Kinder nicht gut untergebracht. Viele Einrichtungen, Kindergärten wie auch Tagesmütter, können oder wollen nicht auf das Wohl des Kindes achten, ziehen eine schnelle Eingewöhnung durch oder haben noch sehr veraltete Erziehungsmethoden. Das ist alles nicht gut und ich wünsche mir sehr, dass hier ein Umdenken zum Wohle der Kinder stattfindet.

    Ich finde es sehr schade, dass du eine sehr einseitige Sichtweise hast und mir unterstellst, dass ich ein dauerhaft schlechtes Gewissen habe und nicht auf mein Bauchgefühl höre. Ja, ich finde es schade, dass ich wenig Zeit mit meiner Tochter verbringe und beneide meinen Mann um die viele Zeit, die er mit ihr hat. Das ist jetzt gerade so, das kann ich ändern und das werde ich ändern. Aber trotzdem werde ich auch nach der zweiten Elternzeit wieder arbeiten gehen. Denn einerseits tue ich das sehr gerne, habe Kollegen, die ich gerne mag und verdiene einfach besser als mein Mann. Andererseits hat mein Mann ebenfalls Bedürfnisse, die ich achte und nicht hintenanstelle. Er hat sich die Kinder genauso gewünscht wie ich und möchte genau wie ich möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen. Was hätte er davon, wenn ich daheim bliebe und ihm „den Rücken freihalte“ für eine Sache, die ihn auf Dauer unglücklich macht?

    Unser Leben ist tatsächlich mit einem Gehalt möglich, denn wir haben keinen, wie du es nennst „Ersatzbefriedigungskonsum“, außer du zählst unser Eigenheim mit Garten dazu. Blöderweise ist es mein Vollzeitgehalt, dass das ermöglichen könnte. Und hier kommen nun die Bedürfnisse aller ins Spiel. Ich möchte genauso für die Kinder da sein wie mein Mann, also müssen wir beide arbeiten. Und da wir beide aktuell Beschäftigungen nachgehen, die tagsüber ausgeübt werden müssen, geht unser Kind in den Kindergarten.

    Und ja, eine Erzieherin kann niemals die Eltern ersetzen, genauso wie Großeltern oder andere Verwandte das nie könnten. Wir sind und bleiben die Hauptbindungspersonen unserer Tochter. Doch genauso wie ihre Großeltern sind „unsere“ Erzieher ein Teil ihres Bindungspersonenkreises, denen sie vertraut und die sie liebt.

    Liebe Grüße
    Clara

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