Artgerecht und unerzogen – unser Einstieg

Lange Jahre habe ich ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit meiner Heimatgemeinde gearbeitet. Ich habe Jungscharen geleitet, war bei Kinderbibelwochen und Eventgottesdiensten für Kinder und Jugendliche dabei, bei Zeltfreizeiten und bei vielen anderen Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche. Ich habe diese Arbeit unheimlich gerne gemacht und viel Zeit dort verbracht. Und ich war immer sehr streng mit den Kindern, da ich zu diesem Zeitpunkt noch davon überzeugt war, dass genau das der richtige Weg ist. Natürlich fanden mich einige Kinder nicht so toll und ich war immer etwas geknickt, wenn ich sah welch herzlichen Umgang sie mit anderen ehrenamtlichen Betreuern hatten. Aus der Sicht der Kinder kann ich es aber nachvollziehen, denn ich fürchtete mich als Kind vor den sehr strengen Menschen.

Mein Einstieg in ein artgerechtes und unerzogenes Leben begann mit einem Besuch bei einer sehr guten Freundin. Ihr Sohn war wenige Wochen alt, ich hatte zufällig in der Nähe ihrer damaligen Heimat gearbeitet und kam Abends vorbei um den Kleinen kennenzulernen. Es war wie ein aufeinanderprallen von zwei ganz verschiedenen Welten, ich im Businessaufzug, die Freundin und ihr Mann entspannt in Freizeitkleidung und der Kleine untenrum nackig, denn er wurde von Anfang an abgehalten. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, meine liebe Freundin hat den Verstand verloren. Glücklicherweise hörte ich ihr aber zu, lies mir das Konzept erklären und las „Geborgene Babys“ von Julia Dibbern, noch bevor ich überhaupt schwanger war. Dieses Buch und auch das „artgerecht“ Buch von Nicola Schmidt sind ein guter Einstieg und eine sehr wertvolle Lektüre für alle, die sich mit dem artgerechten Leben und Umgang auseinandersetzen wollen. Für mich waren sie der Einstieg in das artgerechte Leben mit Kind.

Mit der Geburt der Tochter und dem ständigen Austausch mit Melanie, aber auch der oben erwähnten Freundin, lernte ich nicht nur artgerecht, sondern auch AP und schließlich unerzogen kennen. Ich schwimme schon immer gerne gegen den Strom und habe kein Problem damit anders als andere zu sein. Vielleicht war das mit ein Grund mich näher mit all dem auseinanderzusetzen. Vielleicht war es aber auch einfach ein Gefühl, das mir sagte, dass genau das der richtige Weg für mich sein sollte.

Der Mann und ich sind mehr oder weniger erzogen aufgewachsen. Meine Mama sagt heute, dass sie immer dachte, sie hätte uns streng erzogen. Finde ich aber gar nicht und kann ihr unzählige Beispiele nennen. Meine Schwester und ich haben ein sehr inniges Vertrauensverhältnis zu ihr, wir haben immer viel miteinander gesprochen und wussten, dass wir mit allem was uns bewegt zu ihr kommen können. Und aus meiner Sicht hatten wir recht viele Freiheiten. Meine Mama ist überzeugt, dass sie uns die nur gewähren konnte, weil wir so gut erzogen sind. Ich bin der Meinung, dass es vor allem funktionierte, weil wir miteinander und nicht gegeneinander lebten.

Doch wie wird man unerzogen, wenn man vorher als „die Strenge“ bekannt war? Es ist mit Sicherheit ein Prozess, einen Schalter umlegen kann keiner. Der Mann war erst ziemlich skeptisch, als ich ihm von der unerzogen-Haltung berichtete. Er ist, was die Tochter betrifft, oft sehr ängstlich und vorsichtig und möchte ihr wahrscheinlich oft deswegen Grenzen setzen und sie beschützen. Doch auch hier findet ein Lernprozess statt, er merkt, dass vieles doch gar nicht so gefährlich ist.

Wir gehen viele kleine Schritte und sind manchmal sicherlich immer noch „die Strenge“ und „der Ängstliche“, einfach weil wir so sind und uns nicht verstellen können und wollen. Doch auch das gehört für mich zur unerzogen-Haltung dazu. Sei authentisch und zeige deine Gefühle, das was dich bewegt. Was aber in jedem Fall passiert, wir reflektieren unser Handeln viel mehr und reden hinterher über das was passiert ist. Nicht immer, aber immer öfter.

Gerade das gehört für mich auf einem Weg ins unerzogene Leben dazu, immer wieder mit sich selbst ins Gespräch zu gehen. Eine ganz zentrale Frage für mich ist: „Was genau hat mich gerade an der Situation gestört und warum habe ich so gehandelt?“ Mir hilft das unglaublich zu hinterfragen, was diese bestimmte Reaktion in mir ausgelöst hat. Warum bin ich wieder zu „der Strengen“ mutiert, was hat mich so angetriggert?

Auch heute tauchen immer wieder Situationen auf, in denen ich mir nicht anders zu helfen weiß. Die Tochter zeigt zum Beispiel Liebe oft durch Kopfnüsse oder hauen. Sie findet es äußerst witzig mir ins Gesicht zu schlagen. Ich versuche ruhig zu bleiben und zu erklären, dass mir das weh tut, doch oft verseht sie das noch nicht oder es macht ihr einfach zu viel Spaß. Und dann kommt „die Strenge“ durch, die das Kind anbrüllt und schreit, dass es ihr verdammt noch mal weh tut und sie es auf der Stelle sein lassen soll. Schon während das aus mir raus bricht hasse ich mich, denn die Tochter spiegelt das sofort und fängt an zu weinen. Aber auch solche Situationen sind Schritte auf dem langen Weg.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s