Beziehung statt Erziehung – Streiten, Schimpfen und Entschuldigen

Es ist sieben Uhr am Abend, die Kinder und wir hatten einen langen Tag, alle sind müde. Deswegen gilt es nun, sie so schnell wie möglich fertig zu machen, damit sie ins Bett können. Die Tochter steht auf dem Hocker im Bad, putzt sich ihre Zähne, wirft ihre Zahnbürste ins Waschbecken. Ich greife danach und in dem Moment spuckt sie aus, genau auf meine Hand. Ehe ich auch nur einen Gedanken fassen kann brülle ich: „Kannst du nicht aufpassen? Das ist so ekelhaft!“

Ich glaube solche oder ähnliche Szenen kennen alle Eltern. Man sagt, dass Kinder nur eine gewisse Kooperationsmenge für den Tag haben. Ist diese aufgebraucht, können sie einfach nicht mehr. Bei uns Erwachsenen ist es ähnlich, der Alltag fordert so viele unserer Ressourcen, dass unser Hirn Abends nicht mehr kann. Wir sind müde, haben noch fünfhundert Dinge im Kopf, müssen vielleicht noch aufräumen oder die Küche putzen und haben ein oder mehrere Kinder, die auch nicht mehr könnnen. Kein Wunder, dass es knallt.

Ist streiten und schimpfen immer schlimm?

Meine Mutter, meine Schwester und ich können eine Sache richtig gut: Steiten. Und das ziemlich laut. Ich bin damit aufgewachsen, dass jeder in der Familie seine Meinung sagen durfte. Und diese hat nicht immer jedem gepasst, so dass es auch immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten oder Streit gekommen ist.

Natürlich ist es nicht immer die beste Art lauthals rauszubrüllen, was man denkt oder für richtig hält. Und oft tun wir Erwachsenen das auf eine ziemlich fiese Art, verletzend gegenüber dem anderen. Wir haben es oft nicht anders gelernt.

Genauso ist es beim Schimpfen. Viele Erwachsene, die heute Eltern sind, sind in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es völlig normal war, dass Kinder gemaßregelt und beschimpft wurden. Das lässt uns nicht kalt und kommt immer wieder hervor, wenn unser Gehirn sozusagen auf Autopilot schaltet.

Doch ist schimpfen und streiten nun immer schlimm? Ich denke nicht, denn ich habe selbst als Kind und Jugendliche auch das Gegenteil erfahren. Natürlich wäre es in manchen Situationen schöner gewesen, wir hätten uns ruhig und weniger verletzend unsere Meinung gesagt. Doch wir haben das ausgesprochen, was uns bewegt hat, was wichtig war. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass alle in der Familie ein Recht haben ihre Meinung auszusprechen und für sie einzustehen. Und dass dann nicht alle anderen automatisch diese Meinung übernehmen müssen.

Genauso verhält es sich mit dem Schimpfen. In vielen Situationen ist es unnötig und denken wir hinterher drüber nach, fallen uns viele andere Auswege ein. Doch manchmal ist es ein Ventil, dass wir nutzen können und in einigen Fällen ist es wichtig, zumindest sehe ich das so, klare Ansagen zu machen. Vor allem dann, wenn das eigene oder fremdes Leben in Gefahr ist oder Dinge kaputt gehen könnten, die für andere von Wert sind.

Reflektieren und entschuldigen

Obiges soll nun kein Freibrief sein. Denn jeder Streit und jedes laute Wort sollte von Erwachsenen reflektiert werden. Das hilft dem Erwachsenen, aber auch dem Kind, zumindest dann, wenn wir hinterher noch einmal drüber sprechen.

Es gibt einige Fragen, die Eltern sich stellen können:

  • Was war der Auslöser für mein Schimpfen
  • Was macht mich wütend?
  • Wann bin ich nicht mehr im grünen Bereich, also nicht mehr entspannt?
  • Wie kann ich das nächste Mal anders reagieren?
  • Was möchte ich ändern?

Doch reflektieren alleine hilft nicht. Kinder verstehen nicht, warum wir plötzlich explodieren. Bei ihnen kommt in den meisten Fällen nur eine Botschaft an: Ich bin verkehrt bzw. ich bin falsch. Und genau das gilt es aufzuklären.

Wenn wir wissen, was uns so wütend hat werden lassen, sollten wir es mit unseren Kindern besprechen. Und zwar nicht mit Vorwürfen, sondern in Ich-Botschaften. Und in einer Sprache, die dem Kind verständlich ist. Vielen Kindern hilft es auch, ihnen zu versichern, dass sie richtig sind, wie sie sind.

Und wenn wir nicht wissen, warum wir ausgerastet sind? Dann lohnt es sich auch, das mit dem Kind zu besprechen. Kinder haben oft sehr feine Antennen und können rückblickend Dinge erkennen, auf die wir nie gekommen wären.

Versöhnung und Entschuldigungen gehören für mich zu einem Streit oder bösen Worten dazu. Sie helfen allen Beteiligten die Situation zu verstehen und zu verdauen. Und ist es nicht wunderschön, sich nach einem Streit oder einer ungewollten Schimpftirade in die Arme zu nehmen und sich zu versichern, wie lieb wir uns haben?

Ein Gedanke zu “Beziehung statt Erziehung – Streiten, Schimpfen und Entschuldigen

  1. Oh ja. Manchmal kommt dann der Knrips und sagt: Ist doch ganz einfach! Du bist sauer, weil du wieder nicht ordentlich mittaggegessen hast! Geht mir auch so, wenn ich hungrig bin, Mama.

    Die Weisheit unserer Kinder ist wunderbar. Lasst uns hören.
    Danke für den schönen Beitrag!

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