Betreung – Die Garantie auf einen Platz oder Masse statt Klasse

Seit 2013 haben Eltern in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem 13. Lebensmonat. Doch nicht jeder, der einen Anspruch hat, bekommt auch einen Platz. 2011 schätzte der Deutsche Städte- und Gemeindebund, dass mit der Einführung der Garantie rund 1,3 Millionen Plätze neu geschaffen werden müssen. Eine Zahl, die nicht erreichbar ist und für viele Kommunen auch nicht machbar war. Denn neben fehlendem Geld gibt es auch einfach in kurzer Zeit nicht genug Raum und keine gut ausgebildeten Erzieher und Erzieherinnen, die Kinder in diesem Alter angemessen betreuen können.

Masse statt Klasse

Wir standen 2016/2017 vor genau dem gleichen Problem, wie viele Eltern, die mit dem 13. Lebensmonat des Kindes wieder arbeiten gehen müssen. Es gibt nicht genug Plätze, von der Qualität des Platzes brauchen wir gar nicht zu sprechen. Hauptsache das Kind ist unter, wir können anfangen zu arbeiten und dann sehen wir weiter, war tatsächlich etwas, das wir irgendwann in Betracht zogen. Ich führte unzählige Telefonate mit der Stadt, musste mich rechtfertigen, warum ich auch schon wieder arbeiten gehe (wir wohnen etwas ländlicher, da wird oft noch von ausgegangen, dass Frauen und vor allem Mütter daheim bleiben). Doch ich blieb dran und pochte auf meinen Anspruch.

Es war keine schöne Zeit, denn wir wollten die Tochter in der Zeit, in der wir arbeiten mussten, gut untergebracht wissen. Vor allem ich hatte Ansprüche, die ich sehr schnell aufgab (und die dann doch durch unsere wunderbare Kita erfüllt wurden). Ich hatte Angst, dass es der Tochter in der Betreuung schlecht gehen würde. Ich hatte Bedenken, dass nicht auf ihre Bedürfnisse eingegangen würde und sie einen ganz anderen Umgang erleben würde, als sie ihn von uns kannte.

So wie uns geht es vielen Eltern. Wir haben eine bestimmte Vorstellung, wie mit unseren Kindern umgegangen werden soll und setzen das oft auch gegen Großeltern oder andere Familienmitglieder durch. Wir schützen unsere Kinder vor schlechten Einflüssen und übergriffigen Menschen und stehen plötzlich hilflos da. Wir sind gezwungen die Kinder abzugeben, denn oft genug reicht einfach ein Gehalt nicht mehr aus um die Familie zu finanzieren. Oder wir können die Lebenssituation nicht von einer auf die andere Minute ändern. Und so beginnen wir Abstriche zu machen. Hauptsache wir bekommen einen Platz.

Wie sieht es aktuell aus

Der DJI-Kinderbetreuungsreport (DJI – Deutsches Jugendinstitut) zeigt, dass seit Einführung der Garantie der Bedarf an U3-Plätzen lediglich um 6% gestiegen ist. Dabei ist zu beachten, dass der Bedarf für kleine Kinder (<24 Monate) erheblich höher ist, als für ältere Kinder (>48 Monate).

Durch Elternbefragungen fand das DJI heraus, dass der Bedarf für Kinder zwischen einem und drei Jahren bei ungefähr 45% liegt. Betrachtet man nur einjährige Kinder steigt diese Zahl auf 60%. Hierbei benötigen aber nur etwas weniger als die Hälfte der Eltern einen Platz, welcher mehr als 35 Stunden pro Woche umfasst. Es ist absehbar, dass dieser Bedarf weiter steigt, da sich die Geburtenrate erhöht und in den letzten Jahren eine höhere Zuwanderung verzeichnet wurde.

Schaut man auf den ungedeckten Bedarf, also auf Eltern, die keinen oder keinen ausreichenden Betreuungsplatz erhalten haben, erscheint dieser gering. Er liegt in den westlichen Bundesländern bei gut 20%, in den östlichen Bundesländern sogar im ein- bzw. niedrigen zweistelligen Bereich.

Schaut man auf die Kritierien, nach denen Eltern einen Betreuungsplatz wählen, erkennt man schnell, dass sie oft aus der Not heraus ihre Ansprüche herunterschrauben. Für viele Eltern ist es wichtig, dass ihr Bedarf an Betreuung überhaupt gedeckt wird und die Betreuungseinrichtung keine erheblichen Mängel aufweist. Eltern, die unzufrieden sind, suchen in den meisten Fällen nach einer schnellen Lösung.

Bei der Frage nach den Kriterien, die für die Wahl eines Platzes entscheidend sind, nannten Eltern vor allem die Öffnungszeiten, die Räumlichkeiten und die Ausstattung, die Qualität des Essens und die Gruppengröße. Weniger wichtig ist den Eltern laut DJI das Förderungsangebot, die soziale Mischung oder die Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Kulturen.

Es geht auch anders – Das Dormagener Modell

Das Dormagener Modell dient zur Prävention von familiärer Gewalt, Kindesmissbrauch und Kinderarmut. Es wurde 2006 von Heinz Hilgers entwickelt und umgesetzt. Er ist Vorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes und war zu diesem Zeitpunkt Bürgermeister von Dormagen. Als Vorbild diente das Neuvola-System Finnlands und die dänische Familienpolitik.

Eltern werden schon während der Schwangerschaft begleitet. Jedes neu geborene Kind wird durch einen Sozialarbeiter mit einem Hausbesuch begrüßt. So kann ein früher Kontakt zur Familie hergestellt werden und in ruhigen Zeiten ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Das Modell kommt bei den Familien gut an und die angebotenen Hilfen werden angenommen. Dies führt zu einem Rückgang von in Obhutnahmen und familiärer Gewalt.

Auch dieses Modell setzt auf eine Betreuungsplatzgarantie, hört jedoch nicht beim Schuleintritt auf. Viel mehr werden hier Familien und somit die Kinder und Jugendlichen bis zum Beginn der Ausbildung begleitet.

Und nun?

Ob eine Garantie auf einen Betreuungsplatz nun wirklich hilfreich ist, kann ich schwer einschätzen. Vielen Familien gibt sie Sicherheit. Doch es bleibt an uns Eltern immer wieder auf Missstände aufmerksam zu machen. Aufzuzeigen, was sich verbessern muss. Nur dann kann eine Betreuung durch eine Kindertagesstätte oder eine Tagesmutter eine passende Ergänzung zu der Betreuung durch Eltern, Familien und Freunde werden. Betreuung muss Teil des Dorfes werden, aber nicht um jeden Preis.

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