Warum es bei Naturvölkern keine Schreibabys gibt

Immer wieder hört man im Zusammenhang mit Schreibabys, dass das ein westliches Phänomen ist. Manche behaupten sogar, dass es ein sehr deutsches Problem ist. Doch ist das wirklich so? Warum gibt es bei Naturvölkern oder Menschen, die noch in einer sehr ursprünglichen Umgebung leben keine Schreibabys? Oder gibt es sie dort doch nur eben nicht in dem Ausmaß, wie wir es hier kennen? Und was macht es zu einem komplett deutschen Phänomen, wenn dem denn wirklich so ist?

Ich habe bereits versucht aufzulisten, welche möglichen Gründe es für das Schreien bei Babys geben kann. Schaut man diese durch sind einige dabei, die die These unterstützen. Dann widerum sind dort Gründe aufgelistet, die es so überall geben kann und die jedes Baby betreffen können. Was ist also dran an der These?

Geborgene Babys

Eine bedürfnisorientierte Art zu leben hält gerade in Deutschland immer mehr Einzug in vielen Haushalten. Dort werden Babys getragen, so viel gestillt oder mit der Flasche gefüttert, wie sie es benötigen, schlafen im Familienbett oder in unmittelbarer Nähe der Eltern und Geschwister und werden in ihren Gefühlen und Bedürfnissen wahr genommen. Doch auch in diesen Familien gibt es Schreibabys, ich würde zum Beispiel mich und den Mann dazu zählen. So kann dies nicht der einzige Grund sein, warum es nur in der westlichen Welt Schreibabys geben soll.

Fakt ist aber auch, dass immer noch viele Menschen Angst haben ihr Kind zu verwöhnen. Zu viel tragen, stillen nach Bedarf, das Schlafen im Familienbett kann in den Augen vieler Eltern die Kinder so verweichlichen, dass sie später in unserer Gesellschaft nicht bestehen können. Wenn diese Kinder dann auch noch kaum oder gar nicht erzogen werden, sondern sich frei entfalten dürfen, ist für viele eine Grenze überschritten. Diese Kinder werden sich nie einfügen und lernen nie zu gehorchen und zu funktionieren. Die Angst ist hier ein großer Begleiter, aber auch Überzeugungen, die über Generationen weitergegeben werden und nicht oft genug noch aus einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte stammen.

So gibt es sicherlich einige Schreibabys, die weniger bis gar nicht schreien würden, wenn die Eltern ihre Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit befriedigen würden. Meiner Meinung nach ist das aber nicht die Masse. Im Kontakt mit anderen betroffenen Eltern höre ich immer wieder, wie sehr sie auf die Kinder eingehen und wie viel Liebe und Geborgenheit sie bereits schenken, wie lange sie das Baby in der Trage oder im Tuch tragen, auf einem Peziball hüpfen, stundenlang spazieren gehen, singen, eng an das Baby angekuschelt schlafen, stillen bis die Brüste bluten und vieles mehr.

Fakt ist aber auch, dass nicht westlich geprägte Kulturen ein anderes Verständnis den Kindern und Babys gegenüber haben. Nicht immer passt es zu unserem Weltbild und es ist mit Sicherheit nicht immer richtig, wie dort mit den Kindern umgegangen wird, denkt man vor allem daran, dass viele Kinder früh zum Verdienst der Familie beitragen müssen. Jedoch werden in diesen Kulturen die Babys sehr häufig fast ausschließlich am Körper getragen, nach Bedarf gestillt und abgehalten. Durch dieses Verhalten verlassen viele Babys erst sehr viel später den Schutz und die Nähe der Mutter, den sie so dringend brauchen.

Fehlende Dörfer

Immer wieder hört man diesen einen Satz von betroffenen Eltern: „Wir sind so alleine!“ Eltern von Schreibabys trauen sich oft nicht vor die Tür, nicht zu Babykursen und oft auch nicht zum einkaufen oder zum Treffen mit Freunden. Sie verbringen viele Stunden alleine mit dem schreienden Kind, schlafen kaum und haben keinen Halt als einander. Die eigene Familie wohnt oft weiter weg oder ist mit ihrem Leben noch so beschäftigt, dass sie keine Zeit hat zu unterstützen. Viele Eltern der betroffenen Eltern sind selbst noch berufstätig und können gar nicht die Kraft und Zeit aufbringen zu helfen. Freunde sind oft überfordert mit der Situation, haben sie doch gerade selbst ein Kind bekommen, dass fordernd ist oder das so ganz anders ist. Oder sie haben noch keine Kinder und kennen den Umgang mit Babys nicht.

Hinzu kommt, dass viele Eltern verunsichert sind und zuallererst die Schuld bei sich suchen. Wir leben leider in einer Gesellschaft in der sich nicht nur jeder selbst der nächste ist, sonder in der jeder einzigartig und besonders zu sein hat, vor allem aber perfekt. Und das Baby einer perfekten Mutter oder eines perfekten Vaters schreit nicht. Es lässt sich schnell beruhigen und schläft friedlich über Stunden. Dass dem nicht so ist, wissen nicht nur Eltern von Schreibabys. Die wenigsten Babys sind so, doch auch die wenigsten Eltern geben das zu.

Anders hingegen sind oft die Strukturen in Lebenswelten, die nicht westlich geprägt sind. Die Menschen leben in einem engen Verband zusammen, oft kümmern sich alle Frauen des Dorfs oder der ganzen Familie um die Kinder. Es gibt Gesellschaften, in denen alle Frauen Mutter genannt werden und die Kinder erst sehr spät herausfinden wer die Frau ist, die sie geboren hat. In diesen Gesellschaften erfährt eine Mutter nicht nur Hilfe, Unterstützung und Rückhalt, sie lernt auch schon früh den Umgang mit Babys und Kindern. Eine Frau ist selten bis nie komplett alleine mit dem Kind und das schreiende Baby kann auch für einige Zeit an eine andere Frau abgegeben werden. In diesen Kulturen ist es auch nicht ungewöhnlich das Baby einer anderen Frau zu stillen.

Medizin – Fluch oder Segen

Immer wieder höre ich aber auch von Schreibabys, bei denen als Grund für das Schreien eine Geburtsverletzung oder ein Geburtstrauma genannt wird. Glücklicherweise können einige dieser Probleme gut mit Ostheopathie oder klassischer medizinischer Therapie in den Griff bekommen werden. Doch bis der wahre Grund bei diesen Kindern gefunden wird, vergeht oft eine lange Zeit, da sich noch viel zu wenige Kinderärzte mit diesen Krankheiten auskennen oder sie schlicht nicht erkennen (wollen).

Deutschland hat eine sehr geringe Sterblichkeitsrate bei Geburten, was wirklich toll ist. Ich persönlich bin dafür sehr dankbar, denn die Tochter und ich hätten entweder die Geburt nicht überlebt oder sehr starken Schaden genommen, hätten uns nicht zwei Ärztinnen am Ende des Geburtsverlaufs geholfen.

In nicht westlich geprägten Kulturen gibt es all dies oft nicht oder es ist eine Frage des Geldes und/oder des Weges, der zurückgelegt werden muss. So bekommt dort die Mehrheit der Frauen ihre Kinder im häuslichen Umfeld, oft mit anderen Frauen aus ihrer Familie oder ihrem Dorf an ihrere Seite, die selbst nicht mehr als die eigene Erfahrung ihrer Geburten mitbringen. Hier liegt die Sterblichkeitsrate deutlich höher. Auch werden dort Kinder schneller aufgegeben, wenn die Frau erkennt, dass sie mehr in das Kind investieren müsste, als sie es vermutlich kann.

Äußere Einflüsse

Nicht nur der medizinische Fortschritt und die Versorgung damit ist etwas, das unsere Lebenswelt prägt. Wir leben in einer Welt, in der alles schneller und effektiver abzulaufen hat. Wir haben Autos und Handys und nutzen diese ganz selbstverständlich. Wir sind ständig erreichbar und ständig ansprechbar. Es gibt Mütter, die trotz weniger Stunden Schlaf und kaum Zeit für sich, den Kindern jeden Tag wundervolle Brotdosen zaubern, den Haushalt auf Vordermann bringen und dazu noch zum Familieneinkommen beitragen. Unsere Kinder gehen früh in die verschiedensten Kurse, Musikschule, Frühförderung, Malunterricht, Sprachunterricht und Sport sind nur einige Beispiele. Es ist also nicht verwunderlich, dass das vielen Babys einfach zu viel ist.

Wir erwarten viel zu oft von unseren Babys, dass sie sich uns und unserem turbulenten Leben anpassen. Viele Eltern erwarten heute noch, dass das Baby doch schnell lernt, dass Nachts geschlafen wird. Unsere armen Steinzeitbabys, denn das sind sie nun mal, wenn sie geboren werden, verstehen ganz schnell die Welt nicht mehr. Diese Überforderung und diese Überflutung mit Reitzen wird oft über Stunden in die Welt hinausgeschrien.

Es gibt mit Sicherheit auch viele Kulturen, die noch sehr ursprünglich leben, die trotz allem ein straffes Tagesprogramm zu absolvieren haben, einfach da sie aus der Hand in den Mund leben. Trotzdem wird dort nicht von den Kindern erwartet, dass sie sich diesem Programm anpassen, still in einem Kinderwagen oder einer Wiege liegen, während die Eltern arbeiten. Hier sind die Kinder einfach immer dabei, meist früh auf dem Rücken oder der Hüfte der Mutter. Gestillt wird oft während der Arbeit.

Doch es gibt auch Kulturen, die selbst ganz anders leben als wir. Dort wird geschlafen, wenn Schlaf benötigt wird. Viele dieser Menschen kennen es nicht und können es sicherlich auch nicht, den langen Nachtschlaf der westlichen Welt. Sie machen immer mal wieder ein Nickerchen, oft da wo sie gerade sind. Und so ist es für sie selbstverständlich, dass das Baby genau die gleichen Bedürfnisse hat.

Ist es nun ein westliches Phänomen?

Mit Sicherheit nicht. Überall auf der Welt wird es Babys geben, die viel schreien, die übermäßig schreien und die ihre Eltern an den Rand der Verzweiflung bringen. Doch nicht überall ist die Lebenseinstellung gleich, so dass diese Menschen oft viel früher Hilfe erfahren und diese Hilfe selbstverständlich ist.

Deswegen ist es einfach so wichtig, dass sich auch hier in den Köpfen der Menschen so einiges ändert. Hilfe annehmen und anbieten fällt uns immer noch so schwer, ist dabei doch so etwas tolles. Gerade für Eltern, die in einer schwierigen Lebensphase stecken.

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