Schreibaby – Trauer um die verlorene Zeit

Das Leben mit einem Baby ist so ganz anders und sehr viel anstrengender, als wir es uns ausmalen, bevor wir das erste Kind bekommen. Oft hören wir auch nur die positiven Berichte, viele Eltern trauen sich nicht mehr die Wahrheit zu sagen oder schönen sie, um nicht als Versager da zu stehen.

Sobald das Baby da ist merken wir aber oft, dass es doch anstrengend ist. Diese kleinen Menschen brauchen uns rund um die Uhr, egal ob wir müde sind, nicht mehr laufen wollen oder einfach Mal zur Toilette müssen. Aber sie bereiten auch so viel Freude, wenn sie uns nach dem Aufwachen anstrahlen, wenn sie fröhlich unter einem Spielebogen liegen und noch sehr tollpatschige nach den Spielsachen schlagen, oder wenn sie ruhig und zufrieden stillen oder aus der Flasche trinken.

Wenn das Baby viel schreit

Doch nicht allen Eltern ist vergönnt genau das zu erleben. Denn es gibt die Kinder, die viel schreien. Untröstbar. Eltern von Schreibabys geben sich in den ersten Wochen und Monaten oft komplett auf. Sie schlafen abwechselnd, sie laufen bis zur Erschöpfung auf und ab oder hüpfen mit dem Baby auf einem Gymnastikball. Oft kennen sie es nicht, dass das Baby friedlich stillt, im Arm einschläft oder sie anlächelt.

Nicht nur daheim ist es ein Kampf, das Kind und sich selbst zu beruhigen und nicht die Nerven vor lauter Verzweiflung zu verlieren. Nicht selten fragen sich die Eltern, was gerade sie falsch machen oder ob sie einfach nicht geeignet sind ein Baby zu haben. Gehen sie dann raus, zu Familientreffen, in Babykurse oder zu Verabredungen mit Freunden, bekommen sie häufig ungefragt „gute“ Tipps.

Es ist eine Zeit, in der man oft denkt, dass sie nie ein Ende haben wird, vor allem wenn das Kind länger als drei Monate schreit. Es ist eben nicht die schöne Babyzeit, von der wir vorher gehört haben oder von der wir von anderen Eltern mit gleichaltrigen Babys hören.

Auch mir ging es so. Die ersten Monate habe ich viel daheim gesessen und versucht die Tochter zu beruhigen. Ich habe versucht sie zu verstehen und zu erkennen, was sie so weinen ließ. Alles ohne Erfolg.

Es war eine Zeit mit vielen Tränen, eine Zeit mit Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln. An manchen Tagen war es einfach der blanke Horror. Und dann gab es Tage, da war es ganz okay. Es war eine Zeit mit sehr wenig Schlaf. Und leider war es oft auch eine Zeit mit Streit und bösen Worten.

Trauer um die verlorene Zeit

Vielen Eltern mit Schreibabys geht es so wie uns. Sie denken nicht gerne an die Zeit zurück, obwohl es doch die schöne Babyzeit gewesen sein sollte. Doch oft genug löst schon der Gedanke an diese Zeit oder sogar das weinen eines anderen Babys Traurigkeit, Wut und Verzweiflung aus.

Viele Eltern von Schreibabys berichten, dass sie darum trauern, dass es ihnen nicht vergönnt war eine normale Babyzeit gehabt zu haben. Sie hatten sich so sehr gewünscht ein glückliches und zufriedenes Baby zu haben, denn das ist sicherlich Ziel aller Eltern. Doch genau das war das Baby augenscheinlich nicht und das macht viele Betroffene sehr traurig.

Oft kommt auch Neid hinzu, wenn sie andere Eltern sehen. Vor allem die mit den ruhigen Babys, die stundenlang im abgestellten Kinderwagen schlafen können, die sich während der Rückbildung fröhlich über den Boden kugeln oder die bei ihren Müttern zufrieden und ruhig auf dem Arm sind, rufen dieses Gefühl hervor. Es ist ein Gefühl, dass sich falsch anfühlt. Es sorgt dafür, dass diese Eltern sich oft noch mehr Vorwürfe machen. Zu ihrer Verzweiflung kommt noch das ungute Gefühl dazu ein schlechter Mensch zu sein, weil sie neidisch sind.

Ich finde aber gerade diese Gefühle wichtig und richtig. Es ist wichtig, dass wir betroffenen Eltern sie immer wieder zulassen dürfen. Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder mit dieser für uns so anstrengenden und herausfordernden Zeit auseinandersetzen. Doch all das immer mit dem Blick darauf, dass auch unsere kleinen Brülläffchen genau so richtig sind wie sie sind.

Von Vorstellungen verabschieden

Nora Imlau schreibt in ihrem Buch über gefühlsstärke Kinder, dass sich betroffene Eltern von der klassischen Vorstellung eines Familienlebens verabschieden müssen. Ich denke dieser Satz lässt sich sehr gut auf die Babyzeit mit einem Schreibaby übertragen.

Doch um all das zu schaffen, brauchen Eltern mit (ehemaligen) Schreibabys viel Zeit und liebe Menschen um sie herum, die ihnen zuhören und ihnen helfen ihre Gefühle zu sortieren und zu besprechen. Und das nicht nur in der akuten Phase, sondern auch lange darüber hinaus. Manchen Eltern wird es reichen mit Verwandten, Freunden oder Bekannten über die Zeit zu sprechen und sie zu verarbeiten, andere brauchen mehr Hilfe und sollten diese auch bekommen.

Trauer ist ein Prozess, der für jeden anders aussieht. Trauer verändert sich, sie wird weniger, anders, aber oft verschwindet sie nie komplett. Und Trauer ist wichtig, all diese Gefühle, die durch sie ausgelöst werden sind wichtig. Sie hilft uns zu verarbeiten, solange wir sie zulassen.

Ich schaue heute oft in das Gesicht der Tochter und bin stolz auf uns, denn wir haben es so gut gemeistert. Sie ist glücklich, sie ist dickköpfig, sie ist verletzbar, sie weiß genau was sie will, sie ist schutzbedürftig und sie schreit nicht mehr. Auch heute ist sie extrem in ihren Gefühlen, kann sich mit dem ganzen Körper freuen, aber auch vor Wut und Trauer vergehen. Mittlerweile kann sie Gefühle in Worte fassen, auch wenn es oft schwierig ist die richtigen zu finden.

Und wir können ohne Bitterkeit über die Babyzeit mit ihr sprechen. Wir erinnern uns, gerade jetzt wo der Sohn viele Entwicklungsschritte durchläuft, wieder an diese tollen Momente mit der Tochter. Das viele schreien rückt in den Hintergrund, wird aber immer zu unserer Geschichte gehören. Es hat uns gestärkt, es hat uns manchmal auseinander getrieben, aber schlußendlich hat es uns zu der Familie gemacht, die wir heute sind.

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