Ein neues Baby kommt zu uns – Wenn das Baby kein Anfängerbaby ist

Wenn wir ein weiteres Kind erwarten, sind wir voller Vorfreude auf das, was kommen wird. Wir bereiten unser Nest für den Neuankömmling vor und sind ganz gespannt, wie die neue Familienkonstellation klappen wird. Doch bei vielen Eltern schwingt auch die Frage mit, wie es zu schaffen sein wird den Bedürfnissen aller gerecht zu werden, wenn das zweite, dritte oder wievielte Kind auch immer dann da ist. Denn so ein Baby braucht einfach einiges mehr an Zeit von den Eltern, es braucht dringend Nähe und Wärme, es braucht gefühlt ständig Nahrung und auch sonst braucht es von allem sehr viel. Das ist gut und richtig so, das Baby sorgt gut für sich.

Oft hören wir von anderen Eltern, dass weitere Kinder einfach mitlaufen. Um die Großen kann man sich gut kümmern, wenn das kleine schläft. Oder wenn es friedlich auf einer Decke daneben liegt und spielt. Doch das ist nicht immer so und schnell stellt sich die Frage, wie gehen wir damit um?

„Wir bekommen kein zweites Schreibaby, da glaube ich fest dran! Oder doch?“

Der Start ins Leben mit Kind, war für uns kein einfacher. Die Tochter schrie viereinhalb Monate extrem, danach wurde es immer besser. Doch die Zeit prägte mich, machte mich stark, aber auch sehr angreifbar. Noch heute fällt es mir schwer nicht loszuweinen, wenn ich ein Baby schreien (nicht weinen) höre, weil es mich so sehr in diese Zeit zurückversetzt.

Und so begleiteten mich in der Schwangerschaft immer wieder Ängste, denn ganz auszuschließen war es eben nicht, dass auch das zweite Kind ein Schreibaby sein könnte. Der Mann war fest überzeugt, dass es so nicht kommen würde und ich versuchte ihm zu glauben. Ich versuchte meine positive Einstellung zur Geburt, die Affirmationen des Hypnobirthing, auch auf diese Zeit auszuweiten und ein Stück weit gelang es mir optimistisch zu sein.

Die ersten Tage mit Baby schien es auch so, als hätten wir diesmal ein ganz normales Baby bekommen. Er schlief recht viel und lies sich sogar für einige Zeit im bisher unbenutzten Stubenwagen ablegen. Ich genoss die ersten Tage des Wochenbetts, lag viel im Garten auf der Liege mit einem ruhigen und entspannten Baby im Arm und hatte tatsächlich noch Zeit mit der Tochter zu spielen.

Doch so ruhig und entspannt blieb der kleine Kerl nicht, die Nächte wurden immer unruhiger und auch tagsüber brauchte er dauerhaft Körperkontakt. Er schlief nur an der Brust oder im Tuch, da jedoch akzeptierte er es nicht, wenn ich mich ruhig hinsetzte. Ich verbrachte den ganzen Tag nur noch damit das Baby zu beruhigen, damit es wenigsten etwas Schlaf bekam. Wir aßen wieder abwechselnd, denn einer musste das schreiende Baby auf und ab tragen. Er war und ist kein Schreibaby, aber er ist ein Baby, das von allem mehr braucht. Mehr Nähe, mehr Stillen. Sears würde sagen, ein typisches High-Need-Baby eben.

Für die Tochter war das alles andere als schön. Wir erreichten einen Punkt, der mein Herz brach. Sie stieß mich weg, nur Papa durfte sie anfassen, sie trösten, sie umziehen. Jeder Morgen war ein Kampf, denn ich versuchte sie so schnell wie möglich in Kleidung zu bringen, damit das arme Baby nicht schreiend am Boden liegen musste. Packte ich ihn ins Tuch, protestierte er gegen die Bückbewegungen, die ich eben machen musste um die Tochter anzuziehen. Bis sie im Kindergarten war, war ich oft schon mit den Nerven am Ende.

Die Nachmittage verbrachten wir oft auf dem Spielplatz, glücklicherweise war das Wetter in diesem Sommer so gut. Während die Tochter spielte und ich sie immer wieder vertrösten musste, weil ich nicht mit im Sand sitzen oder rutschen konnte, tänzelte ich neben ihr über den Spielplatz. Denn einmal stehen geblieben war der kleine Kerl wach.

Auch heute, nach gut neun Monaten, kreist der Sohn wie ein Satelit um mich. Das ist in Ordnung, er ist ja auch noch so klein und braucht das eben. Doch es wird langsam besser, er akzeptiert den Mann immer mehr, macht bei ihm seine Tagschläfchen auf dem Bauch, so dass ich endlich wieder Zeit nur für die Tochter habe. Und die hat uns beiden extrem gefehlt. Und mir gelingt es mittlerweile sehr gut, ihn auf den Rücken zu binden. So bin ich etwas beweglicher und kann die Tochter auch mal in die Arme nehmen.

Wir machen nichts falsch

Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich denn nun schon wieder falsch mache, dass das Kind so unglücklich ist und nicht einfach mal ruhig auf einer Decke liegen mag. Und immer wieder, wenn ich aufgehört habe mich selbst zu bemitleiden und mit anderen zu vergleichen, habe ich erkannt, dass ich alles richtig mache. Und dass auch der Sohn genau so richtig ist, wie er ist. Und dass all die anderen Babys, die wir kennen, auch so richtig sind wie sie sind, nur eben anders.

Egal ob es das erste, zweite oder vielleicht sogar zehnte Kind ist, wir stellen uns immer wieder die Frage nach dem richtig oder falsch, wenn das Kind nicht glücklich erscheint. Wir fragen uns, was die anderen so viel besser machen als wir und was wir noch alles tun können.

Mir hat es extrem geholfen aufzuhören mich zu vergleichen, denn in solchen Vergleichen kann ich nur verlieren. Vergleiche sind doof, wir sehen in uns immer das schlechte, nie das Gute. Wir sehen nicht, wie hingebungsvoll wir uns unserem Kind widmen, wie viel Kraft wir investieren und wie stark wir uns und unsere Bedürfnisse zurückstecken, um der ganzen Familie gerecht zu werden.

Wir müssen aufhören uns zu fragen was wir falsch machen, denn wir machen nichts falsch. Und wenn doch, dann aus der vollen Absicht genau das Beste für unser Kind zu wollen und das mit all unserer Liebe, die wir haben. Es ist ein langer Weg zu akzeptieren, dass es nicht an uns liegt, nicht an der Schwangerschaft, nicht an unserer Lebensweise oder unserer Ernährungsform. Wir machen so viel richtig, das ist es was wir sehen sollten.

Ohne das Dorf geht es nicht

Gerade mit einem weiteren Kind ist ein Dorf um uns herum mehr als wichtig. Auch nach der Geburt eines weiteren Kindes sollte die Mutter acht Wochen Wochenbett einhalten. Leichter gesagt als getan, ich bin auch nach vier Wochen wieder Morgens mit zwei Kindern zum Kindergarten gefahren, denn jemand anders war nicht da. Und doch habe ich versucht dort Hilfe anzunehmen, wo es meinem Dorf möglich war zu helfen.

Ich habe sehr liebe Schwiegereltern, die für uns Essen gekocht haben und die Tochter aus der Kita abgeholt haben. Auch wenn sie das nicht jeden Tag machen können, sondern nur einmal die Woche oder auch nur einmal alle zwei Wochen, war es für mich eine große Erleichterung und für den Mann sicherlich auch. Es müssen nicht immer große Dinge sein, die uns das Dorf bringen kann oder sollte und die wir erwarten. Manchmal tun auch kleine Dinge gut und auch dann, wenn sie nicht regelmäßig gegeben werden können.

Wichtig finde ich immer zu schauen, tut es mir und der Familie gut, was mein Dorf dort gerade tut. Ich bin selbst ein Mensch, der dazu neigt Menschen mit meiner Hilfe zu überrollen und ihnen vielleicht Hilfe anzubieten oder gar aufzudrängen, die sie gar nicht haben wollen. Deswegen ist es wichtig auch „nein“ sagen zu können und über Wünsche und Erwartungen zu sprechen.

Gerade wenn das Baby so fordernd ist und viel an uns „klebt“, tut es uns auch gut, es abzugeben an einen lieben Menschen aus dem Dorf. Die freuen sich oft darüber, auch mal Zeit mit dem kleinen Menschen verbringen zu dürfen, der scheinbar nie von uns losgelassen wird. Ich musste das erst lernen, war immer froh, wenn meine Schwiegereltern mit der Tochter spielten und erkannte nicht, dass dies auch für uns eine Chance gewesen wäre Zeit zu zweit zu verbringen.

Reden hilft, immer!

Manchmal fällt es uns schon schwer vor uns selbst einzugestehen, dass wir mit der aktuellen Situation überfordert sind. Wir wollen nicht wahr haben, dass es tatsächlich unglaublich anstrengend sein kann mehr als ein Kind zu haben oder das ein Baby so fordernd sein kann. Wie oben bereits erwähnt ist es wichtig, nicht bei uns den Fehler zu suchen. Ursachenforschung macht in einem gewissen Rahmen Sinn, annehmen der Situation und das Beste daraus machen aber mindestens genau so viel.

Über die eigenen Gefühle zu sprechen, sie zu beschreiben und sich mit ihnen auseinanderzusetzen kann sehr heilsam sein und helfen, mit der Gesamtsituation wieder entspannter umzugehen. Vielleicht erscheint es uns im ersten Moment peinlich vor anderen zuzugeben, dass wir es unglaublich anstrengend finden, denn bei allen anderen erscheint es so leicht. Doch im Gespräch stellt sich schnell heraus, es ist für jede Mutter und jeden Vater an irgendeinem Punkt herausfordernd wurde. Und so unterschiedlich unsere Babys sind, so unterschiedlich sind auch wir.

Mir tut es auch heute noch gut über die Situation zu sprechen. Einige Gespräche haben mir vor allem geholfen Situationen zu reflektieren, in denen ich verzweifelt oder gefühlt schier überfordert war. Ich konnte sie noch einmal durchspielen und schauen, was ich beim nächsten Mal gerne anders machen möchte. Oder auch um zu hinterfragen, warum meine Kinder genau so reagiert haben, wie sie es getan haben.

Tragen ist Liebe – und eine enorme Erleichterung

Während ich diesen Beitrag schreibe, schläft der Sohn festgebunden an meinen Rücken gekuschelt. Ich habe ihn von Anfang an sehr viel getragen, den Kinderwagen haben wir in den ersten Monaten gar nicht verwendet und auch jetzt kommt er nur sehr selten zum Einsatz.

Das sah bei der Tochter noch anders aus und im Rückblick frage ich mich manchmal, warum ich sie viel zu viel auf dem Arm und viel zu wenig in der Trage getragen habe. Mir erleichtert es den Alltag ungemein. Und auch für den Sohn macht es vieles einfacher, denn er kann so in Ruhe schlafen. Ja, ich muss immer noch in Dauerbewegung bleiben, aber es hat sich auf ein minimales Wippen reduziert und das ist gut mit fast allen Tätigkeiten des Alltags vereinbar.

Gerade das Tragen auf dem Rücken, was mit einem passenden Tuch schon ab Geburt möglich ist, macht vieles einfacher. Hier lohnt es sich die entsprechende Bindeweise von einer Trageberaterin zeigen zu lassen. Und nicht zu verzweifeln, mehrere Meter Stoff um sich und ein winziges Menschlein zu wickeln, ohne dass einer zu Schaden kommt ist möglich, erfordert aber einiges an Übung.

Sonne im Gesicht

Mir hat es unglaublich geholfen rauszugehen. Zum Glück ist die Tochter eine begeisterte Spielplatzgängerin und klettert gerne auf die Klippen hier in der Nähe, so dass wir immer ein passendes Ausflugsziel hatten. Und wenn das Ziel sie nicht locken konnte, ein Picknick, da reichte schon ein geschnittener Apfel in einer Box, lockte sie immer aus dem Haus.

Es ist wisschenschaflich erwiesen, dass blaues Himmelslicht uns glücklicher macht. Scheint dazu noch die Sonne und zeigen wir ausreichend freie Haut, kann der Körper Vitamin D bilden, das für uns alle wichtig ist.

Auch wenn es anstrengend erscheint, der Spielplatz langweilig wird (zumindest für uns Eltern) oder der Sommer nicht so toll ist wie der vergangene, geht raus. Ich fand es schon extrem anstrengend und deprimierend mit einem schreienden Baby daheim im Zimmer zu sitzen, weil ich mich nicht vor die Tür getraut hatte. Mit zwei Kindern daheim, wovon eins besonders klein und anhänglich ist, fiel mir sehr schnell die Decke auf den Kopf und die Stimmung war entsprechend. Rauszugehen hat uns Kraft gegeben und uns sicherlich viele Tage gerettet.

Jedes Kind ist einzigartig toll und wundervoll

Denkt immer daran. Euer Kind ist genau so wie es ist toll und richtig. Ja, es mag manchmal nicht so erscheinen. Die großen Kinder erscheinen uns so oft anstrengend, kooperieren nicht wenn wir es dringend brauchen oder schlagen einfach mal über die Stränge. Aber auch sie verarbeiten eine völlig veränderte Situation. Gebt euch Zeit, redet, geht raus und nehmt an. Es lohnt sich.

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