Ein neues Baby kommt zu uns – Entthronung der Erstgeborenen oder Gefühle der großen Geschwister begleiten

„Wenn das Baby da ist muss er aber lernen zu teilen!“

„Da wird sie aber von ihrem Thron geworfen, eure kleine Prinzessin!“

„Macht euch auf was gefasst, wenn das Baby da ist stellen die Großen nur noch Mist an!“

„Sie ist dann in der Trotzphase, das wird ein Spaß mit dem Baby!“

„Du musst ihn dann aber abgeben, er muss lernen, dass Mama jetzt für das Baby da ist!“

Wer kennt sie nicht, diese Kommentare. Wenn wir sie selbst so oder in ähnlicher Form nicht hören mussten, haben wir verdammt viel Glück. Denn heute noch sind viele Menschen überzeugt, dass die älteren Geschwister völlig frei drehen, wenn das Baby kommt und wir Eltern das einzuschränken haben und ihnen beibringen müssen „die Großen“ zu sein.

„War sie nicht eifersüchtig?“ oder jedes Kind reagiert anders

So wie jedes Kind unterschiedlich auf die Ankündigung des Geschwisterkindes reagiert, reagieren Kinder auch ganz unterschiedlich auf das Baby. Das ist nicht vorhersehbar oder planbar und kann ganz anders kommen, als wir es eingeschätzt hätten.

Da gibt es Kinder, die völlig vernarrt in das Baby sind und es ständig nur auf dem Arm haben wollen, es streicheln, es knuddeln und immer wieder beteuern, wie lieb sie es haben. Dann gibt es Kinder, die das genaue Gegenteil sind. Sie interessieren sich nicht für das Baby und wollen am Liebsten nichts mit ihm zu tun haben. Und dann gibt es noch so viel dazwischen. Die Geschwister, die das Schreien unerträglich finden. Die Geschwister, die dem Baby vorlesen und vorspielen. Die Geschwister, die auch wieder Baby werden. Und so vieles mehr.

Alles ist richtig und in Ordnung, aber nicht alles ist immer einfach zu begleiten. Schließlich ist da noch ein kleines Wesen, das unsere Aufmerksamkeit braucht und das wir nicht einfach für eine Weile weglegen können. Aber wir können es abgeben, an den Papa, die Oma oder eine uns vertraute Person.

Gefühle begleiten

Wenn wir bedürfnisorientiert leben, kennen wir es und beten es uns manchmal wie ein Mantra vor. Alle Gefühle unserer Kinder sind richtig, wir begleiten sie darin. Genau das ist auch mit dem neuen Geschwisterchen wichtig, gerade für die kleineren Kinder, die oft selbst noch nicht in der Lage sind ihre Gefühle richtig auszudrücken oder gar nicht richtig verstehen, was sie da gerade so schreien oder weinen lässt.

So schwer es uns bei Gefühlen wie Hass oder Wut fällt, alle Gefühle sind richtig und müssen zugelassen werden. Auch sie benötigen Raum, auch sie müssen raus. Es ist wichtig, dass wir nicht über den Hass oder die Wut schimpfen, sie nicht verurteilen oder dem Kind erklären, dass es so aber nicht gegenüber dem anderen Menschen empfinden darf.

All die Gefühle zu verstehen, zu begleiten und auch zu verbalisieren („Du bist gerade sehr wütend!“ „Du ärgerst dich gerade über mich/dich/das laute Schreien!“) helfen dem Kind damit zurecht zu kommen. Es fühlt sich nicht alleine gelassen und kann so aus einem Wutanfall oder ähnlichem schneller herauskommen.

Wenn Kinder körperlich werden

Manche Kinder, gerade wenn sie noch nicht richtig sprechen können oder ihre Gefühle nicht richtig verbalisieren können, werden körperlich. Sie hauen, treten, kratzen, beißen uns Eltern, das Baby, andere Geschwister, Freunde oder das Haustier. Manche Kinder richten die Gewalt auch gegen sich selbst. Wir Eltern stehen in solchen Situationen schnell hilflos daneben, werden selbst aggressiv (auch böse Worte oder eine erhobene Stimme zählen für mich dazu) oder schimpfen.

Wichtig ist in solchen Situationen nicht nur die Begleitung, sondern auch der Schutz desjenigen, gegen den sich die Aggression richtet. Das ist oft gar nicht so leicht umsetzbar und führt manchmal zu noch mehr Wut. Doch es ist wichtig. Und auch diese Schritte können wir mit Worten begleiten.

Kinder können lernen ihre Wut umzulenken oder anders auszudrücken. Wenn es ihre Art ist Wut oder ähnliche Gefühle körperlich auszudrücken, sollten wir ihnen auch die Möglichkeit dazu geben. Manchen Kindern genügt es in ein Kissen zu boxen, andere müssen sich körperlich austoben oder laut schreien. Darüber zu sprechen und es in ruhigen Momenten auszuprobieren, kann Kindern sehr helfen.

„Ich hab dich so sehr vermisst!“

Dieser Satz war einer, den die Tochter oft gesagt hat. Ich habe mich gewundert, denn ich war doch die ganze Zeit da. Aber war ich wirklich für sie da gewesen? Wenn ich ehrlich bin, ich war es nicht.

Die großen Kinder wollen genauso Aufmerksamkeit wie vorher. Dass das nicht möglich ist, muss bei ihnen im System auch erst verarbeitet werden. Und so fordern sie immer wieder unsere Aufmerksamkeit. Oft durch Taten, die wir Eltern schnell als Unfug oder Blödsinn abtun, durch Dinge, die uns schimpfen lassen oder uns wütend machen. Zu erkennen, dass die Kinder das nicht tun, weil sie uns so gerne toben sehen ist schwer, gerade dann wenn man übermüdet ein schreiendes Baby versucht in den Schlaf zu stillen.

Zu erkennen wie viel Aufmerksamkeit das oder die Geschwister benötigen und ihnen diese auch einzuräumen ist nicht immer machbar. Dann ist es um so wichtiger darüber zu sprechen und realistische Versprechungen zu machen. Zu schauen, wann der Papa oder jemand anders das Baby nehmen kann, wann es vielleicht verlässlich eine Weile im Bett schläft oder (und das habe ich dann viel gemacht) es im Tuch oder der Tragehilfe auf den Rücken befördern und es dort schlafen lassen.

Und es ist auch wichtig mit den Kindern zu reden. Zu erklären warum wir so handeln, wie wir handeln. Ihnen unsere Liebe versichern und ihnen sagen, dass wir sie verstehen können. Es kann auch helfen zu sagen, dass man sich die Situation auch anders vorgestellt hätte, dass man selbst traurig ist, weil gerade so wenig Zweisamkeit mit dem Kind bleibt.

Der Verlust der Mutter

Gerade kleine Kinder verstehen weder das Konzept des Teilens, noch haben sie ein Verständnis für später, gleich oder einen Zeitintervall wie etwa fünf Minuten. Wenn sie Mama brauchen, dann sofort. Kommt ein neues Baby in die Familie bedeutet das für die Kinder, die bereits da sind, dass sie einen Teil ihres gewohnten Lebens und auch einen Teil der Mutter, die sie bisher kannten, verlieren. Jedes Kind geht mit diesem Verlust anders um, fordert die Mutter und ihre Aufmerksamkeit, Liebe und Zuneigung anders ein.

Doch egal wie sie diesen Verlust ausdrücken, es ist wichtig uns klar zu machen, dass es für sie ein großer Schmerz ist bzw. sein kann. Vergleichbar vielleicht mit dem eines gebrochenen Herzens. Diese Trauer ist, so verrückt sie für uns Erwachsene scheinen mag, für die Kinder real, sie fühlen sie und das oft sehr stark. Deswegen ist es so wichtig diese Trauer ernst zu nehmen, sie zu begleiten und den Prozess der Bewältigung mit dem Kind zu durchlaufen.

Manche Kinder leiden still vor sich hin, wir gehen oft viel zu schnell davon aus, dass sie die Situation akzeptiert haben. Vermeintlich haben sie sich schnell in ihrer Rolle als großer Bruder oder große Schwester gefunden, sie machen uns das Leben vielleicht sogar leichter, weil sie völlig unauffällig sind und endlich mal eine Weile ganz alleine für sich spielen. Es mag diese Kinder wirklich geben, jedoch sollten wir immer schauen, ob das Kind dieses Verhalten an den Tag legt, weil es tatsächlich zufrieden ist oder ob da mehr dahinter steckt. Stilles Leid ist für uns schwer zu erkennen, aber auch dieses gehört begleitet und dem Kind geholfen.

Andere Kinder wiederum reagieren sehr gleichgültig. Sie interessieren sich für nichts, das Baby wird vielleicht wie Luft behandelt. Das ist für uns Eltern in unserem Hormonrausch oft schwer zu verstehen und noch schwerer zu begleiten. Wichtig ist es zu hinterfragen, warum das Kind so gleichgültig reagiert und ob es damit nicht evtl. ein anderes Gefühl überlagern möchte.

Dann gibt es wiederum die lauten Kinder, die den Verlust beklagen, viel weinen, Aufmerksamkeit einfordern oder eben, wie bereits geschrieben, körperlich werden. Es ist anstrengend diese Kinder zu begleiten, sie rufen in uns Gefühle hervor, die wir gar nicht haben wollen. Doch sie benötigen genauso unsere Hilfe und Begleitung.

Das stolze große Geschwister

Ich habe es bis heute nicht verstanden, warum Geschwister stolz auf das neue Baby sein müssen. Was genau soll sie an einem Geschwisterkind stolz machen? Stolz und Freude können nicht erzwungen werden und kommen nur dann, wenn derjenige diese Gefühle wirklich tief in sich spürt.

Ich finde es vollkommen in Ordnung, dass die bereits vorhandenen Geschwister nicht stolz sind, dass sie nicht überglücklich sind oder das sein müssen. Aber sie dürfen es sein. Und wenn sie es dann sind, entstehen unglaublich schöne Momente. Momente in denen wir die besondere Beziehung zwischen diesen Menschen spüren können. Momente in denen wir nicht viel tun müssen, außer sie zu genießen. Es sind Momente, die wir in unseren Herzen speichern und von denen wir lange zehren.

Gefühle sind immer richtig

Es gibt kein richtig und falsch wenn es um das geht was wir fühlen. Unsere Kinder fühlen oft noch viel extremer als wir, sie drücken ihre Gefühle noch viel deutlicher und komplett ohne Scham aus. Vielleicht fällt es uns deswegen oft schwer damit umzugehen. Es ist auch für uns ein Lernprozess alle Gefühle, und mögen sie noch so negativ sein, zuzulassen, zu begleiten und zu akzeptieren. Es gelingt uns vielleicht nicht immer, aber allein es versucht zu haben ist viel wert.

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