Buch-Mittwoch: Julia Dibbern – Die Tyrannenlüge

Wer kennt es nicht: Kaum ist der Satz „Wir erziehen nicht.“ gefallen, sehen die Menschen in unserem Umfeld einen kleinen oder auch großen Tyrannen, der nur Süßigkeiten isst, ständig Fernsehn schaut, alles zerstört und sowieso macht was er will. Oder sie prophezeien uns, dass es in einigen Jahren so sein wird. Doch woher kommt diese Angst vor tyrannischen Kindern? Und warum werden viele Verhaltensweisen von Kindern als tyrannisch empfunden, obwohl sie doch nur eins sind: Kinder?

Julia Dibbern versucht mit ihrem neuesten Buch Die Tyrannenlüge mit dem Vorurteil des tyrannischen Kindes aufzuräumen. Interessant finde ich, dass sie selbst sagt (Seite 167):

Die ganze Zeit über dachte ich: Es ist doch absolut offensichtlich, dass kleine Menschen, die freundlich behandelt werden, heranwachsen zu großen Menschen, die davon ausgehen, dass die Welt ein freundlicher Ort ist, dem sie ihrerseits freundlich begegnen. Wozu braucht man dafür ein Buch?

Ich finde diese Einstellung wunderbar und hoffe, dass immer mehr Menschen beginnen so zu denken.

 

Vom Verallgemeinern

Im ersten Teil des Buches geht Julia auf die Gründe ein, warum Kinder von anderen als Tyrannen empfunden werden. Sie nennt es das Autowerkstattproblem. Eine Autowerkstatt ist nicht selten auf eine bestimmte Art Auto oder ein bestimmtes Autoproblem spezialisiert und genauso sind es viele Menschen, die zu tyrannischen Kindern befragt werden, Sozialarbeiter, Internatsleiter oder Psychologen zum Beispiel. Schnell entsteht der Eindruck, dass es nur „solche“ Kinder gibt.

Und ist es heute nicht so, dass wir nur über unsere Probleme reden? Wer kennt sie nicht, die Müttergruppen, in welchen sich über Probleme ausgetauscht wird. Schnell entsteht auch hier der Eindruck, dass alle Kinder irgendwelche Probleme haben, nicht so schlafen wie sie sollen, nicht hören, hauen, schlagen, beißen, spucken oder sonst etwas tun, das uns nicht gefällt. Kleine Tyrannen eben.

Julia fragte für ihr Buch herum, was in den Augen ihrer Leser Kinder zu Tyrannen macht (sie geben Widerworte, sie hängen sowieso nur noch vor den sozialen Medien usw.) und beleuchtete anschließend, was die Gründe für solch ein Verhalten sein könnten. Leider wachsen viele Kinder heute entweder in sehr instabilen Familien, mit vielen Streitigkeiten oder in Familien mit einem hohen Leistungsdruck auf. Oft können die Kinder nicht richtig Kind sein oder werden einfach sich selbst überlassen. Schön finde ich bei Julia, dass sie Medien nie verteufelt, aber erklärt was sie mit Kindern machen können und immer wieder betont, wie wichtig es ist rauszugehen und die Natur zu erfahren. Nicht nur sie ist der Meinung, dass ganze Generationen mittlerweile ein Natur-Defizit-Syndrom aufweisen.

Und noch etwas ist wichtig, unsere Kinder sind die ersten Kinder, die im Anthropozän aufwachsen, einem Zeitalter, dass dem Holozän folgt. Im Holozän war das Klima weitestgehend stabil, doch genau das hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Und so prägte der Klimaforscher Paul Crutzen den Begriff des Anthorpozän. Unsere Kinder wachsen auf einem Planeten auf, der immer instabiler wird. Extreme Wetterbedingungen, schmilzende Pole, aussterbende Tierarten. Es bleibt nicht mehr viel Zeit diesen Planeten, wie wir ihn kennen, noch zu retten. Um so wichtiger ist es, unsere Kinder stark zu machen in dieser Umwelt zu überleben (und ja, es betrifft uns alle, auch uns, die wir gemütlich in Deutschland mit etwas merkwürdigeren Wintern ohne Schnee an Weihnachten und Sommern ohne richtigen Sommer leben).

 

Der Nordstern

Schon in Slow Family schrieben Julia und Nicola über den Nordstern. Und diesen greift Julia in ihrem Buch auf. War es in Slow Family noch „langsam, achtsam, echt“ hat er sich jetzt für dieses Buch zu „verbindend, wohltuend, fair“ gewandelt. Julia ruft dazu auf zu überprüfen, ob wir im Umgang mit anderen Menschen, sei es nun innerhalb oder außerhalb der Familie, prüfen, dass wir mit den Menschen verbunden sind, ob es ihnen gut geht und ob wir allen gerecht werden können. Eigentlich eine tolle Ergänzung zum Nordstern aus Slow Family in meinen Augen.

 

Alle sind richtig

Einen ganz wichtigen Punkt spricht Julia an, der den Blick auf ein Kind ändern kann und vielleicht auch den Blick weg vom tyrannischen Kind lenken kann. Jedes Kind ist so richtig, wie es ist. Das ist erstmal ein Ansatz, den man verdauen muss und der sicher nicht immer einfach umzusetzen ist, kennen wir doch alle das eine Kind, dass wie ein kleiner Tyrann ist. Doch genau hier lohnt es sich genauer hinzuschauen, hinter die Verhaltensweisen des Kindes zu schauen und sich in seine Lebenswelt einzufügen. Und immer wieder zu hinterfragen wer eigentlich festlegt, was richtig und was falsch ist.

Julia erzählt selbst immer wieder von Situationen aus ihrem Leben und bringt auch hier ein Beispiel eines Kindes, dass von allen als der Klassentyrann verschrien wurde. Dass sich jetzt ihr Sohn mit ihm angefreundet hatte, fand Julia erstmal nicht schlimm und erlebte schließlich ein Kind, dass vielleicht etwas anders war als die anderen, dass aber genau so wie es war richtig war. Ich selbst kenne so einen Fall aus dem Bekanntenkreis, ein wunderbar, intelligenter Junge, der sich leider viel zu schnell von anderen hat reizen lassen, der größer war als die anderen Kinder und somit immer der Böse. Ich habe das nie verstanden, habe immer gesagt, dass er ein tolles Kind ist und ich hatte recht. Heute ist er ein junger Mann, der später mal ein toller Mensch und sicherlich liebender Vater werden wird.

Es lohnt sich also immer den Blick zu weiten und zu schauen, woher das Kind kommt, welche Geschichte es mitbringt und aus welchen Gründen es gerade so ist, wie es ist. Und es lohnt sich noch viel mehr, die eigene Einstellung zu überprüfen und zu hinterfragen, warum wir gerade dieses Kind als anstrengend oder tyrannisch kategorisieren.

 

Der unterstützende Modus

Wie ich eingangs erwähnte, wird ein bedürfnisorientierter Umgang mit Kindern immer noch kritisch betrachtet. Wir befinden uns gerade in einer Zeit des Umbruchs. Oft ist die heutige Elterngeneration die erste, die sich von Gewalt gegenüber Kindern verabschiedet und Kindern auf Augenhöhe begegnet. Genau das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten, wenn wir mit Menschen sprechen, die selbst mit einer strengen Hand groß geworden sind oder so erzogen haben.

Vielleicht braucht es auch einfach noch ein wenig Zeit, um das Bild vom Kind zu richten und alle erkennen zu lassen, wie wundervoll diese kleinen Menschen sind.

 

Und warum gibt es immer wieder Probleme?

Diese Frage stellt Julia zum Ende des Buches. Sie schreibt über Grenzen und was diese in ihren Augen überhaupt sind. Aber auch, wie sie ihre eigenen Grenzen gefunden hat und noch viel wichtiger, gelernt hat sie auch zu kommunizieren. Und genau das ist sicherlich mit einer der wichtigsten Punkte in unserem heutigen Umgang mit Kindern: Wir vergessen uns viel zu schnell und stellen uns und unsere Bedürfnisse hinten an. Dabei ist es so wichtig, dass wir nicht nur für unsere Kinder, sondern genauso für uns selbst Verantwortung übernehmen.

Doch Probleme kann es auch immer wieder geben, wenn wir die Grundbedürfnisse der Kinder übersehen: Müdigkeit, Hunger, Bewegungsdrang, Stress, ungewohnte Situationen sind nur einige Beispiele, die Kinderhirnen zu schaffen machen und Kinder oft unkooperativ werden lassen.

 

Was können wir also tun?

Dieses kleine wunderbare Buch lesen und uns bestärken in dem, was wir tun. Unsere Kinder so sein zu lassen, wie sie sind und zu wissen, dass sie genau so richtig sind. Es fällt uns so leicht zu meckern, aber so schwer das Gute zu sehen. Dabei ist das gerade so wichtig und bringt uns weiter.

Und wir können aufräumen mit dem Irrglaube, dass alle Kinder Tyrannen sind oder zu solchen werden. Wir können ihnen von den vielen tollen jungen Menschen erzählen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnen und den Blick unseres Gegenübers weiten.

 

Fazit zum Buch

Als ich das Buch in den Händen hielt war ich etwas enttäuscht, dass es „nur“ gute 170 Seiten hat, doch beim Lesen wurde mir klar, so viel mehr muss gar nicht gesagt werden. Das Buch ist ein Denkanstoß, ein Augenöffner, aber sicher kein Erziehungsratgeber, der uns hilft unsere Kinder wenig tyrannisch werden zu lassen. Es gibt Anregungen und Denkanstöße, es beleuchtet Hintergründe und räumt mit Vorurteilen auf. Viel mehr braucht es auch nicht.

Vielen Dank an Julia für dieses wunderbare Buch. Und vielen Dank an den Kösel-Verlag, der uns ein Exemplar dieses Buches für unseren Blog zur Verfügung gestellt hat.

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