Autonome Kinder nach Jesper Juul

Es ist früher Morgen und kühl draußen. Der Mann beschließt der Tochter noch eine Jacke anzuziehen. Sie zieht die Jacke schon fast alleine an, er muss sie ihr nur hinhalten. Und dann braucht es Zeit, denn die Tochter möchte den Reisverschluss unbedingt selbst schließen. Sie ist 19 Monate alt und motorisch eigentlich noch nicht so weit, aber sie versucht es jeden Tag. Und wehe der Mann hilft ihr. Erst nach einiger Zeit fragt er nach, ob er es machen darf. Manchmal erlaubt sie es, manchmal nicht.

In „Nein aus Liebe“ von Jesper Juul bin ich das erste Mal auf den Begriff des autonomen Kindes und Juuls Definition gestoßen. Er schreibt dort, dass autonome Kinder sich durch folgende Merkmale auszeichnen:

  • Sie verschmelzen nicht mit ihren Eltern und geben willig ihre eigenen Grenzen auf, um Liebe und Fürsorge zu erfahren. Sie sind unempfänglich für das, was wir als Fürsorge verstehen und definieren selbst den Zeitpunkt, wann sie diese empfangen möchten
  • Oft erscheinen diese Kinder nach der Geburt „fertiger“. Sie haben keinen Babyspeck, eine wohldefinierte Muskulatur und sind motorisch Gleichaltrigen oft überlegen.
  • Sie mögen keinen Körperkontakt, der nicht von ihnen ausgeht
  • Sie reagieren allergisch auf Erwachsene, die nicht völlig authentisch und frei von pädagogischer Manipulation agieren.
  • Sie nehmen ihre persönlichen Grenzen absolut ernst und sagen nur dann „ja“ zu etwas, wenn sie die absolute Wahlfreiheit haben.
  • Oft benehmen sie sich wie reife Erwachsene, die ein ausgeprägtes Selbstbild haben
  • Sie nehmen nur Hilfe von Eltern oder anderen Erwachsenen an, wenn diese unaufdringlich und ohne Manipulation oder Motivation angeboten wird.

Als ich den Abschnitt las, konnte ich nur immer wieder nicken, denn es passt so gut zur Tochter. Sie ist gefühlt schon immer in der Autonomiephase, mag es gar nicht, wenn wir sie in den Arm nehmen, wenn sie das nicht gefordert hat. Versucht sie jemand zu manipulieren oder ist nicht authentisch, reagiert sie abweisend oder ignoriert die Person. Hilfe nimmt sie nur dann an, wenn sie Zeit hatte sich selbst auszuprobieren und weiß, dass sie diese benötigt.

Juul schreibt weiter in „Nein aus Liebe“:

Bildlich gesprochen lassen sich andere Kinder gern füttern und später bedienen, während man den autonomen Kindern ein Büffet aufbauen muss, von dem sie sich selbst bedienen können.

Das mag nicht immer einfach sein und birgt sicherlich so einiges Konfliktpotential. Manchmal mag es einfacher erscheinen ein Kind zu manipulieren, es der Wahlmöglichkeiten zu berauben und die eigene Meinung überzustülpen.

Ich bin sehr froh ein autonomes Kind zu haben, das ganz genau weiß was es möchte und vor allem auch, was es nicht möchte. Wir erziehen die Tochter nicht, sie darf sich so entfalten wie sie ist. Sie soll den Raum bekommen, den sie benötigt um sich frei zu entfalten, sich auszuprobieren und auch mal zu scheitern.

Natürlich wünsche ich mir manchmal, dass auch ich sie einfach mal in den Arm nehmen kann. Dass wir einfach mal kuscheln, wenn mir danach ist. Der Mann braucht manchmal eine Umarmung von ihr, die sie nicht geben möchte. Das ist in Ordnung, denn wenn sie uns dann um den Hals fällt oder sich ankuschelt, dann ist das gleich viel schöner und ein ganz besonderer Moment.

Und ihre Art hilft mir auf meinem Weg, hin zu einer authentischen Person, die offen gegenüber ihrem Kind alle Gefühle kommuniziert. Ich sehe es als Chance für uns alle und bedauere es nicht, denn sie ist wie sie ist und sie ist toll.

 

2 Gedanken zu “Autonome Kinder nach Jesper Juul

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