Wenn es nicht Liebe auf den ersten Blick ist

Die Tochter war nur wenige Tage alt und hatte die meiste Zeit ihres kurzen Lebens mit Schreien verbracht. Ich war hilflos, der Mann wahrscheinlich noch mehr. Er hatte nicht nur ein schreiendes Kind daheim, sondern auch eine Frau, die von der Geburt völlig geschwächt war und mit ihrer ganzen Situation haderte. Denn mir ging es nicht gut, nicht nur körperlich, auch seelisch hatte mich das alles sehr mitgenommen und es wurde durch das Schreien nicht besser. Ich hatte den Mann zu diesem Zeitpunkt schon mehrmals gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass wir dieses kleine knallrote und laut schreiende Wesen irgendwann lieben würden. Er war sich da ganz sicher und tat es zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit schon. Ich nicht und das erschreckte mich damals doch sehr.

Ich hatte mir so sehr ein Kind gewünscht und so lange auf dieses Menschlein gewartet. Und dann war es da und es machte eben nicht „Klick“ wie es so viele Frauen berichten. Die ersten Nächte nach der ewig dauernden Geburt schlief ich gar nicht, die Nächte danach nur sehr wenig und natürlich nie lange am Stück. Ganz normal mit einem Neugeborenen, nur leider schrie unsere Tochter in fast jedem wachen Moment. Ich war verzweifelt, erst hatte ich keine Milch, dann viel zu viel und sofort eine Brustentzündung mit zwei Tagen Fieberdelirium. Wir trugen das schreiende Menschlein ununterbrochen rum, versuchten zu singen, zu schuckeln und zu lieben.

Doch genau das lieben gelang mir nicht. Irgendwann war der Höhepunkt erreicht, ich war völlig übermüdet und konnte einfach nicht mehr. Trotz dass ich jeden Abend mit der Tochter um sieben Uhr ins Bett ging bekam ich kaum Schlaf. Und an diesem Abend weckte sie mich mit lautem schreien, als ich gerade eingeschlafen war. Ich versuchte es mit stillen, mit kuscheln und mit schaukeln. Aber nichts half, sie schrie einfach weiter. Und das war der Zeitpunkt wo ich sie vor mir aufs Bett legte und zurückbrüllte, dass ich sie hassen würde und sie so laut schreien könne wie sie wolle, ich wolle nämlich nicht mehr. Aber vielleicht würde ja ihr Vater sie hören. Der hörte sie zum Glück auch und kam mir sehr schnell zur Hilfe.

Ich kann rückblickend nicht mehr sagen, wie es besser geworden ist. Denn geschrien hat sie noch sehr lange, aber geliebt habe ich sie dann doch irgendwann, auch schon in der Schreizeit. Es hat bei mir wohl sehr langsam „Klick“ gemacht und irgendwo war da doch dieses Band, dass uns beide verband. Heute würde ich für diesen Menschen mein Leben geben und auch wenn das viele Menschen nicht verstehen können, ich liebe sie mehr als meinen Mann, aber auf eine ganz andere Art.

Leider wusste ich in dieser sehr dunklen Zeit nicht, dass es unglaublich gut tun kann, wenn man andere Menschen um Hilfe bittet. Ich habe mich für meine Gefühle, beziehungsweise die Abwesenheit eben dieser, sehr geschämt. Ich habe mich falsch gefühlt und wollte nicht, dass auch noch andere schlecht über mich denken. Und so war ich zu stolz meiner Mutter, meiner Hebamme oder Melanie zu sagen, dass da was fehlt. Dabei wäre es so einfach gewesen und jede der drei hätte mich nicht verurteilt.

Mit Sicherheit war ich auch viel zu sehr auf das Glück fixiert, was sich doch einfach einstellen muss, wenn man Mutter geworden ist. Viel zu wenig war ich auf die Wahrheit vorbereitet, denn mancher Start ins Leben eines Kindes verläuft nicht so schön. Trotzdem ist es eine besondere Zeit gewesen, eine Zeit in der ich gewachsen bin und eine Zeit in der vor allem der Mann gewachsen ist. Ich bin sehr froh, dass er all das so gut weggesteckt hat und mich aufgefangen hat.

Doch was passiert, wenn es gefühlt niemals „Klick“ macht, auch nicht ganz langsam wie bei mir? Studien zufolge leiden ca. 10-15% aller Frauen nach der Geburt eines Kindes an einer postpartalen Deression. Bei diesen Frauen verschwindet der im Volksmund  so schön genannte „Baby Blues“ nicht nach wenigen Tagen oder Wochen. Neben den Symptomen einer „normalen“ depressiven Störung zeigt eine postpartle Depression laut der Deutschen Depressionshilfe folgende Besonderheiten (hier ausführlich nachzulesen):

  • ausgeprägte emotionale Labilität,
  • Unfähigkeit, positive Gefühle für das eigene Kind zu entwickeln bis hin zur Gefühllosigkeit,
  • übermäßige Angst und Sorge um das Wohlergehen des Kindes,
  • ausgeprägte Gedanken und Zweifel an den eigenen Fähigkeiten als Mutter sowie Versagensängste: „ich bin eine schlechte Mutter“, „ich kann mein Kind nicht versorgen“,
  • Zwangsgedanken (z.B. das Kind zu schädigen),
  • Stillprobleme.

Mit diesem Artikel möchte ich auf dieses Krankheitsbild aufmerksam machen und zeigen, dass es zu uns und unserem Leben dazu gehört. Diese Frauen haben es nicht verdient sich zu verstecken und ihre Gefühle vor andere zu verdecken. Sie benötigen dringend professionelle Hilfe und liebe Menschen um sie herum, die sie so annehmen, wie sie sind und ihnen den Rücken stärken.

 


Clara

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